Vermögensverteilung: Republik der Habenichtse

Vermögensverteilung
Republik der Habenichtse

Viele Bundesbürger sind überzeugt, dass die Ungleichheit in Deutschland zunimmt. Es herrscht das Gefühl vor, dass die einen immer mehr verdienen, während die anderen auf der Stelle treten. Doch das wirkliche Problem ist nicht die ungerechte Einkommensverteilung, sondern dass zu wenige Deutsche Vermögen bilden.

Alle Menschen sind gleich. Das wissen wir seit Voltaire. Doch manche Menschen sind gleicher, das wissen wir seit George Orwells bissiger Satire „Animal Farm“. Viele Deutsche sind überzeugt, dass Orwell über Voltaire gesiegt hat und die Ungleichheit zunimmt. Oder, um es mit den Worten von Bundespräsident Horst Köhler zu sagen: Es gibt in der Bevölkerung das „nachvollziehbare Gefühl, dass etwas nicht stimmt, wenn die Einkommen der einen stark steigen, die der anderen dagegen eher stagnieren“.

Wer allerdings genauer hinsieht, stellt fest: So populär es ist, sich über eine zunehmende Schieflage bei den Einkommen zu empören – gerade in der Bundesrepublik ist das eine der geringsten Sorgen. Seit den siebziger Jahren hat sich an der Verteilung der Einkommen wenig verändert. Ein echter Missstand dagegen ist die ungleiche Verteilung der Vermögen. Zwei Drittel der Deutschen haben fast keine substanziellen Werte. Eine schrumpfende und alternde Gesellschaft läuft aber in die Falle, wenn mehr als die Hälfte ihrer Mitglieder keine Rücklagen bildet und nicht für das Alter vorsorgt. Dabei geht es nicht nur um Altersarmut, sondern auch um politische Stabilität: In einigen Jahren könnten die Habenichtse eine radikale Umverteilung fordern.

Die Streuung von Immobilien- und Finanzwerten ist kein rein deutsches Problem. Auffällig ist zunächst, dass Nettovermögen in der ganzen Welt höchst ungleich verteilt sind: Ein Deutscher ist im Durchschnitt gut 86 000 Dollar „wert“, ein Chinese 2600 Dollar, ein Kongolese gar nur 180, so die Ergebnisse einer » Studie amerikanischer, kanadischer und finnischer Ökonomen vom Dezember 2006.

Klarer Fall: China ist schlechter dran als Deutschland. Doch andererseits gehören derselben Untersuchung nach der unteren Hälfte der Gesellschaft in China gut 14 Prozent des nationalen Reichtums, in Deutschland dagegen nicht einmal vier Prozent. Die Spreizung ist also hier zu Lande größer als in der aufstrebenden Wirtschaftsmacht. Ist aber die deutsche Gesellschaft deshalb ungerechter als die chinesische?

Angaben über die Verteilung von Vermögen sind nicht nur schwer zu interpretieren. Auch die politischen Schlussfolgerungen sind heikel. Eine davon ist, dass es durchaus im Sinne einer „gleicheren“ Verteilung sein kann, gerade bei sozial Schwachen (Kinder-)Geldleistungen zu streichen und sie durch Gutscheine zu ersetzen, um verfestigte Armut zu vermeiden.

Die Politik tut sich auch deshalb schwer mit dem Thema, weil wir schlicht ziemlich wenig darüber wissen, wie und warum sich die Streuung des Reichtums verändert. Die Deutschen streiten zwar leidenschaftlich gerne – wie andere reiche Länder auch – darüber, ob die Gesellschaft immer ungerechter wird und die Globalisierung daran schuld ist. Doch die Heftigkeit der Diskussion steht in keinem Verhältnis zur Intensität der Forschung.

Es gibt keinen hieb- und stichfesten Vergleich über mehrere Jahrzehnte hinweg. Deshalb bleiben simpelste Fragen unbeantwortet. Ist die Vermögensverteilung in Deutschland im Lauf der Jahre ungleicher geworden, oder ist sie heute gar ausgewogener als früher? Die Ökonomen bleiben eine klare Antwort schuldig. „Das lässt sich aus verschiedenen Gründen nicht sagen, unter anderem, weil manche Statistiken die Betriebsvermögen nicht berücksichtigen“, sagt Gert Wagner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Das Unwissen ist deshalb besonders absurd, weil viele politische Schritte ausdrücklich auf „mehr Verteilungsgerechtigkeit“ abzielen. Weil sie die Landkarte der Vermögensverteilung aber nicht kennt, befindet die Politik sich in der Lage eines Piloten, der zum Transatlantikflug nach New York startet, ohne Navigationsinstrumente an Bord zu haben.

Wagner ist einer derjenigen, die es wissen müssten, denn er leitet das „Sozio-oekonomische Panel (SOEP)“, eine seit 23 Jahren durchgeführte, repräsentative Befragung deutscher Haushalte. Das DIW hat vor vier Wochen eine Studie veröffentlicht, die es auf die Seite 1 der „Bild“-Zeitung geschafft hat. Erstmals wurde exakt erfasst, wie die Geld- und Realvermögen sich auf die Personen in Deutschland verteilen. Besser würde man vielleicht sagen, wie sich die Mittellosigkeit verteilt, denn zwei Drittel der Bevölkerung haben nichts oder allenfalls sehr geringe Werte. Das reichste Zehntel der Bevölkerung hält dagegen fast zwei Drittel des deutschen Nettovermögens von 5,4 Billionen Euro.

Das wichtigste Maß dafür, wie Einkommen und Vermögen streuen, ist der so genannte Gini-Koeffizient. Je niedriger, desto gleicher ist die Aufteilung. Bei 0 ist sie absolut gleich, bei 1 absolut ungleich. In Deutschland ist der Gini-Koeffizient für das Vermögen sehr hoch: 0,79. Das ist wesentlich mehr als beim Einkommen, wo er nur 0,25 beträgt. Er liegt auch über dem internationalen Durchschnitt, den die oben zitierten amerikanischen und kanadischen Ökonomen bei 0,7 ansetzen. Wagner vermutet, dass die Vermögensverteilung in Zukunft noch schiefer wird: Die Einkommensunterschiede würden größer, und Leute mit hohem Einkommen können nun einmal deutlich mehr Vermögen bilden als die mit niedrigem. Einkommensunterschiede gibt es aber nicht erst seit heute. Sind wir bereits auf einer schiefen Ebene, was die Streuung der Vermögen angeht?

Leider gibt es für die Vergangenheit keine Untersuchungen wie die jüngst vom DIW veröffentlichte. Richard Hauser von der Uni Frankfurt hat versucht, die bestehenden Lücken durch Schätzungen zu schließen, wobei er einräumt, dass die Ergebnisse „nur ein unvollständiges Bild der personellen Vermögensverteilung liefern“. Überraschenderweise bestätigt sich die Hypothese zunehmender Ungleichheit nicht – im Gegenteil: Zwischen 1973 und 1998 hat sie seinen Zahlen zufolge in Deutschland sogar sehr deutlich abgenommen. Hauser selber räumt allerdings ein, dass er in den Jahren 1988, 1993 und 1998 die Ungleichheit vermutlich unterschätzt, weil große Teile des Unternehmensvermögens nicht enthalten seien. Trifft die von ihm beobachtete Tendenz dennoch zu, würde die Realität die pessimistischen Überlegungen widerlegen.

In Bezug auf die Einkommen stellt Hauser fest, dass die Ungleichheit in der Verteilung zwischen 1973 und 1998 trotz Massenarbeitslosigkeit und Belastungen durch die deutsche Einheit nur geringfügig zugenommen habe. Einen langfristigen internationalen Vergleich der Einkommensverteilung vom Ende der 60er-Jahre bis zum Beginn des neuen Jahrtausends hat Anthony Atkinson versucht. Gäbe es den Titel, würde man den in Oxford lehrenden Finanzwissenschaftler den „Verteilungs-Papst“ nennen. Wohl niemand hat so intensiv über Fragen der Einkommens- und Vermögensverteilung gearbeitet wie der Brite, der heute den vom Wissenschaftszentrum Berlin verliehenen, von einem chinesischen Unternehmerpaar gestifteten Angela-und-Shu-Kai-Chan-Preis erhält.

Für Kanada, die USA und Großbritannien stellt er fest, dass die Einkommen tatsächlich wesentlich ungleicher verteilt seien als am Ende der „golden sixties“. Er führt das auf Globalisierung und technischen Wandel zurück, die Bezieher hoher Einkommen und von Kapitaleinkünften begünstigten. Hinzu komme eine geringere Umverteilung über das Steuersystem und der Effekt niedrigerer Inflationsraten, die reale Renditen aus Kapitalanlagen steigern. Mit Blick auf Deutschland stellt Atkinson für die 90er-Jahre eine nur schwach zunehmende Ungleichheit fest.

Die neueren Angaben des 2. Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung bestätigen das: Zwischen 1998 und 2003 stieg der Gini-Koeffizient bei den Markteinkommen – das heißt vor staatlicher Umverteilung durch Steuern und Sozialleistungen – von 0,44 auf 0,47 an. Bemerkenswert ist, wie sehr der Staat noch Einfluss nehmen kann: Nach staatlicher Umverteilung lag der Gini-Koeffizient 1998 wie 2003 nur bei 0,25. Jüngere Angaben des Statistischen Bundesamtes wie des SOEP lassen darauf schließen, dass die Markteinkommen bis 2007 an Streuung zugenommen haben – wegen der hohen Arbeitslosigkeit und der schwachen Zunahme der Lohneinkommen – in jüngster Zeit aber möglicherweise eine Umkehr stattfindet. Der neue Armuts- und Reichtumsbericht könnte daher im kommenden Jahr für Überraschungen sorgen.

Die Ungleichheit bei der Einkommensentwicklung in Deutschland ist also weitaus weniger dramatisch, als oft befürchtet wird. Sorgen muss man sich allerdings wegen der Vermögensverteilung machen. In einer alternden Gesellschaft wie der deutschen wird Vermögensbildung allein schon wegen der privaten Altersvorsorge zu einer bitteren Notwendigkeit. Eine Gesellschaft, in der heute zwei Drittel fast nichts haben, fährt mit hohem Tempo in eine Sackgasse, um es vorsichtig zu sagen. In den nächsten Jahren könnte sich die Schieflage verschärfen, weil der Anteil der Vermögenseinkünfte an den Gesamteinkommen wächst und durch Vererbung die -konzentration in der schrumpfenden Gesellschaft zunimmt.

Eine sehr ungleiche Vermögensverteilung aber bremst insgesamt die Entwicklung der Gesellschaft. Bildung wird zwar immer als Himmelsleiter für den sozialen Aufstieg beschworen, doch ist sie selber zunehmend abhängig davon, ob in einer Familie Vermögen vorhanden ist oder nicht. „Wachsender wirtschaftlicher Wert kommt Eigenschaften zu, die nicht über das Bildungssystem vermittelt werden, sondern durch die Sozialisierung in begüterten Familien“, schreibt Atkinson.

Die Lösung in einer Einschränkung der Globalisierung zu suchen, wie es manchmal verlangt wird, wäre unsinnig: In Deutschland entfällt der weit überwiegende Teil der Vermögen auf Immobilien, und deren Wertentwicklung unterliegt allenfalls seit wenigen Jahren internationalen Einflüssen. Viel wichtiger ist etwas, was Ökonomen noch nicht untersucht haben: Die wunderbare Tatsache, dass wir seit über 60 Jahren im Frieden leben. Seit 60 Jahren wird Kapital akkumuliert, ohne Vernichtung durch Krieg oder Inflation und ohne Umverteilung durch Revolution und Enteignungen, was früher in Abständen von wenigen Jahrzehnten die Regel war.

So schön das ist: Nicht jeder profitiert davon. Die Politik sollte deshalb endlich ihren Blindflug beenden und darangehen, die Wirkung jedes ihrer Schritte auf die Vermögensverteilung zu studieren. Zwei kleine Beispiele: Sie würde dann nicht leichtfertig Sparerfreibeträge kürzen. Und sie käme auf die Idee, dass familienpolitische Leistungen verteilungspolitisch wirksamer sind, wenn sie nicht in Form von Barzahlungen dem Portemonnaie der Eltern zugutekommen. Steckt man sie über Gutscheine in die Bildung, wird das Handicap der Kinder wenigsten ein wenig kleiner.

Massive Umverteilungen über die Erbschaft- oder eine neue Vermögensteuer wird es dagegen kaum geben können. Das Bundesverfassungsgericht hat klargemacht, dass es einen staatlichen Zugriff, der an Enteignung grenzt, nicht tolerieren wird. Doch sollte man sich nicht täuschen: Wenn in der Bundesrepublik der Anteil der Habenichtse beim Vermögen weiter anwächst, kann die politische Großwetterlage in ein paar Jahren ganz anders aussehen.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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