Versorgungssicherheit
Energieagentur rät Deutschland zur Atomkraft-Nutzung

Die Internationale Energieagentur (IEA) mahnt Deutschland, den Atomausstieg zu überdenken. Die Vorzeichen hätten sich geändert. Die Kernkraft spiele in Zukunft eine Schlüsselrolle.

HB BERLIN. Kernkraft sei wichtig, „zum einen um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, zum anderen aus Gründen des Klimaschutzes“, sagte IEA-Chefökonom Fatih Birol dem Handelsblatt. Die IEA stellt in der kommenden Woche ihren neuen World Energy Outlook vor und misst darin dem Thema Atomkraft weitaus mehr Bedeutung bei als in den vorangegangenen Jahren. Damit erhält die Debatte um die Kernenergie neue Nahrung. Die Bundesregierung ist in der Frage zerstritten.

„Natürlich muss jedes Land in der Energiepolitik seinem eigenen Pfad folgen. Wir wollen aber deutlich machen, dass die Kernenergie wichtige Chancen birgt“, sagte Birol. Wenn die Politik nicht umsteuere, „wird unsere Energieversorgung schmutzig und teuer. Genau das müssen wir verhindern.“

Erst am Montag hatte der frühere Weltbank-Ökonom Nicholas Stern in einem Bericht für die britische Regierung eindringlich vor den Folgen des Klimawandels gewarnt. Dem Stern-Bericht zufolge kann sich die Erde in den nächsten 100 Jahren um durchschnittlich bis zu fünf Grad erwärmen, wenn nichts gegen den Treibhauseffekt unternommen wird, als dessen Auslöser insbesondere die Kohlendioxidemissionen gelten. Die Folgen wären laut Stern verheerende Sturmfluten und extreme Trockenheit, die an die 200 Millionen Menschen obdachlos machen könnten. Durch den Klimawandel drohten der Weltwirtschaft enorme Rückschläge, die Welt könne in eine Depression schwerer als jene Anfang der 30er Jahre abgleiten.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die kohlendioxidfreie Energiegewinnung aus Kernenergie nach Ansicht Birols neue Bedeutung: „Zu einer klimaschonenden Energiepolitik gehört die Steigerung der Energieeffizienz, der verstärkte Einsatz erneuerbarer Energien – und die Nutzung der Kernkraft.“ Deutschland stelle sich dem Problem des Klimawandels sehr offensiv. „Vielleicht kommt die Politik ja unter diesem Gesichtspunkt noch zu der Erkenntnis, dass man die Entscheidung zum Atomausstieg überdenken sollte“, sagte Birol.

Auch unter dem Gesichtspunkt der Versorgungssicherheit unterschätzt die Bundesregierung nach Einschätzung Birols die Rolle der Kernenergie. „Der Gas-Streit zwischen Russland und der Ukraine zu Beginn des Jahres sollte einen Prozess des Nachdenkens auslösen. Unter dem Gesichtspunkt der Versorgungssicherheit bekommt die Nutzung der Kernenergie eine neue Bedeutung. Die anhaltend hohen Öl- und Gaspreise unterstreichen ebenfalls die Notwendigkeit, die Haltung zur Kernenergie zu überdenken“, sagte Birol.

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