Verteilung der Armut
Glückliches Baden-Württemberg

In Süddeutschland ist das Armutsrisiko am geringsten. In anderen Bundesländern droht dieses Schicksal hingegen jedem Fünften. Insgesamt verharrt die Armut in Deutschland auf hohem Niveau.
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BerlinDie Spanne ist enorm groß: Das Armutsrisiko war 2016 in Deutschland gemessen an der Armutsgefährdungsquote im reichen Baden-Württemberg, wo seit geraumer Zeit nahezu Vollbeschäftigung herrscht, mit 11,9 Prozent nur halb so hoch wie im ärmsten Land Bremen. Dort liegt die Quote bei 22,6 Prozent. Dies ergibt sich aus einer aktuellen Auswertung der Daten des Mikrozensus durch das Statistische Bundesamt. Als von Armut bedroht gilt danach jemand, dessen Einkommen 60 Prozent des mittleren Einkommens (Median) unterschreitet. Im Bundesdurchschnitt verharrt die Armutsgefährdungsquote bei 15,7 Prozent – so hoch wie 2015. In den Jahren davor ist sie stetig gestiegen.

Angesichts der guten wirtschaftlichen Lage und der niedrigen Arbeitslosenrate sei das ein Skandal, so Barbara Eschen, Sprecherin der Nationalen Armutskonferenz. „Diese Zahlen sind ein bedrückendes Zeugnis für die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik der letzten Jahre“, sagte Eschen. Auch der paritätische Gesamtverband übte Kritik. „Insgesamt spiegeln die neuen Zahlen des Statistischen Bundesamtes das Versagen der Bundesregierung in der Armutsbekämpfung wider. Es ist einfach eine Schande, wenn immer mehr Kinder in Deutschland in Armut leben müssen“, sagte Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider. Daran ändere auch nichts, dass sich die Lage in einigen Bundesländern verbessert habe, vor allem in den Stadtstaaten und in Ostdeutschland.

Zwar weist das Bundesamt darauf hin, die Daten für 2016 seien nur eingeschränkt mit den Zahlen aus früheren Jahren vergleichbar. Gleichwohl belegen diese, dass das Armutsgefährdungsrisiko seit 2005 von 14,7 auf 15,7  Prozent im Jahr 2015 gestiegen ist. Auch in den reichen Ländern hat die Armutsgefährdung zugenommen, zeigen die Daten. In Baden-Württemberg lag die Gefährdungsquote 2005 noch bei 10,6 Prozent. Im reichen Bayern stieg sie innerhalb von zehn Jahren von 11,4 auf 12,1 Prozent.

In den neuen Bundesländern einschließlich Berlin ist das Armutsrisiko gemessen am bundesdeutschen mittleren Einkommen mit 18,4 Prozent immer noch deutlich höher als im Westen der Republik mit 15,0 Prozent. Während im Westen die Quote 2016 gegenüber 2015 um 0,3 Prozentpunkte gestiegen ist, ging sie allerdings im Osten um 1,3 Prozentpunkte zurück. In der „Hitliste“ mit dem geringsten Armutsrisiko liegen nach Baden-Württemberg Bayern und Hamburg auf den Plätzen 2 und 3. Die Schlusslichter bilden Bremen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern mit  Armutsgefährdungsquoten von über 20 Prozent. Jeder fünfte ist hier also rein statistisch von Armut bedroht.

Allerdings sind die Daten mit Vorsicht zu genießen. Ihre Aussagekraft sei begrenzt, merkt das Statistische Bundesamt in seinen methodischen Erläuterungen an. So wurde die Armutsgefährdungsquote anhand des bundesweiten Durchschnittseinkommens ermittelt. Das führe tendenziell dazu, dass die Armut in reichen Ländern mit hohen Beschäftigungsraten unterschätzt wird. Denn dort könnten hohe Mieten und Preise dafür sorgen, dass schon bei einem Einkommen oberhalb von 60 Prozent des Bundesdurchschnitts das Geld schnell knapp wird.

Umgekehrt können niedrigere Mieten und Lebenshaltungskosten in Mecklenburg-Vorpommern für ein besseres Leben selbst bei niedrigem Einkommen sorgen. Die zweite Schwachstelle der Armutsstatistik ist das Medianeinkommen selbst: Da es sich beim Mikrozensus nicht um eine Gesamterhebung bei allen Bürgern handelt, sondern nur um eine repräsentative Stichprobe, kann es von Stichprobe zu Stichprobe zu Schwankungen in der Höhe des Medianeinkommens kommen. Die aber führen dann auch zu Fehlern bei der Bewertung des Ausmaßes der Armutsgefährdung.

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  • Die "Armutskonferenz" stellt sich mal wieder selbst ein Armutszeugnis aus.
    Die Formel zur Bestimmung der Armut ist Schwachsinn. Wuerden alle das Doppelte
    verdienen, waere die Anzahl der "Armen" gleich. Dazu kommt noch, dass eine
    Reihe von Einkommen in der Formel ueberhaupt nicht beruecksichtigt werden.

  • Wenn ich mir das Bild anschaue, handelt es sich um eine Rentnerin, mit ihren paar letzten Kröten für dieses Monat. Ab in die Türkei, da lebt es sich noch ganz gut mit
    der Rente dieses Merkel-Staates, der nur noch Geld für Okkupanten hat.

  • Schaue ich mir die Löhne in der Schweiz an, denke ich, das sind ja alles Millionäre. Schaue ich mir die Preise und die Mieten dort an, denke ich, das müssen die auch sein, sonst kommen die nicht über die Runden. Schon vor Jahren hat es einen Kollegen nach München gezogen. Das Bruttogehalt lag gut 20 % über dem Niveau einer vergleichbaren Stelle im Ruhrgebiet. "Es lohnt sich finanzielle definitiv nicht" war sein Fazit nach 2 Jahren.

    Wenn das Einkommen nicht mit der Kaufkraft am jeweiligen Wohnort abgeglichen wird, hat die Aussage zu einem Armutsrisiko wenig Sinn.

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