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Vertrauensfrage: Rot-rote Koalition rettet Platzeck den Job

Erst ist das Misstrauensvotum gegen Klaus Wowereit gescheitert, nun hat Matthias Platzeck den parlamentarischen Segen erhalten. Trotz des BER-Debakels spricht Brandenburgs Landtag dem Regierungschef das Vertrauen aus.

Für Matthias Platzeck ist der Weg an die Spitze des Aufsichtsrats frei. Quelle: dpa
Für Matthias Platzeck ist der Weg an die Spitze des Aufsichtsrats frei. Quelle: dpa

PotsdamDer Brandenburger Landtag hat Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) nach der erneuten Verschiebung der Eröffnung des Großflughafens Berlin-Brandenburg (BER) das Vertrauen ausgesprochen. Die Koalition aus SPD und Linken stellte sich bei der von Platzeck selbst gestellten Vertrauensfrage am Montag hinter den Regierungschef. Dieser hatte zuvor in einer Regierungserklärung eine neue Steuerung des Projekts versprochen: „Wir müssen die entscheidende Wende jetzt herbeiführen. Und dazu bin ich fest entschlossen.“

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Bei der Abstimmung über die von Platzeck gestellte Vertrauensfrage stimmten am Montag in Potsdam 55 der 87 anwesenden Abgeordneten für den Regierungschef, 32 votierten gegen ihn. Die Zahl der Ja-Stimmen entspricht der Zahl von Abgeordneten, über die die rot-rote Koalition in Brandenburg verfügt. Allerdings richtet der brandenburgische Landtag einen Sonderausschuss für den Großflughafen ein. Darauf verständigten sich die Koalition aus SPD und Linke sowie die oppositionelle FDP.

BER-Debakel „Entweder das Ding fliegt oder ich fliege“

Platzecks politische Zukunft hängt vom Erfolg des Bauprojekts in Schönefeld ab.

Zuvor hatte Platzeck begründet, warum er am Mittwoch den Posten des Chefkontrolleurs übernehmen will: Er schlage sich in schwieriger Lage nicht in die Büsche, sondern übernehme noch mehr Verantwortung. Zudem wolle er dafür sorgen, dass unter den Beschäftigten der Flughafengesellschaft wieder ein Klima des Vertrauens heranwächst. Daran habe es in der Vergangenheit gemangelt, sagte Platzeck. Nötig sei ein „Geist des gemeinsamen Anpackens“. Alle müssten an einem Strang ziehen – und zwar in dieselbe Richtung. Dieser „Geist des gemeinsamen Zupackens“ müsse alle Beteiligten erfassen, also auch die Baufirmen und die drei Anteilseigner Berlin, Brandenburg und Bund.

„Wir müssen die entscheidende Wende jetzt herbeiführen. Und dazu bin ich fest entschlossen“, sagte der SPD-Politiker in einer Regierungserklärung am Montag im brandenburgischen Landtag in Potsdam. Der Flughafen sei ein entscheidender Faktor für die Entwicklung Brandenburgs und müsse deshalb ein Erfolg werden. „Das müssen wir erreichen, und das werden wir erreichen“, sagte Platzeck. „Ich verbinde mein politisches Schicksal mit dem Gelingen dieser Aufgabe.“

Flughafenstart schon wieder abgeblasen - und was nun?

  • Warum sind die Planungen jetzt geplatzt?

    Die Probleme mit der Brandschutzanlage im zentral Passagierterminal sind noch größer als angenommen. Mit Datum 4. Januar 2013 gingen beim Bund, Berlin und Brandenburg als Gesellschaftern Schreiben von Flughafen-Technikchef Horst Amann ein: Die ohnehin wacklige Zielmarke 27. Oktober ist nicht zu halten. Über einen möglichen neuen Eröffnungstermin zu sprechen, sei es zu früh, so Amann.

  • Welche Folgen hat das Termin-Debakel für die Flughafen-Baustelle?

    Eigentlich sollten die Bauarbeiten bis Mai abgeschlossen sei, doch offenbar fehlen nach wie vor Planungsunterlagen für die Entrauchungsanlage. Die Arbeiten konnten daher nicht wie geplant längst wieder hochgefahren werden. Zur Investitionsruine soll das fast fertige Gebäude aber keinesfalls verkommen. Auch andere radikale Um- oder Neubauten sind nicht vorgesehen. Amann habe bestätigt, „dass er der festen Überzeugung ist, dass dieser Flughafen in seiner technischen Anlage fertigzustellen ist“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit.

  • Was bedeutet die erneute Verschiebung für die Passagiere?

    Millionen Reisende in der Hauptstadt müssen bis auf weiteres mit den beiden alten Berliner Flughäfen auskommen, die noch länger in Betrieb bleiben. Dabei waren am ehemaligen DDR-Zentralflughafen Berlin-Schönefeld schon Kioskstände abgebaut worden. Und der größte Hauptstadt-Flughafen Tegel platzt schon jetzt aus allen Nähten. Air Berlin und die Lufthansa riefen die Betreibergesellschaft denn auch auf, dass dort nun alles getan werde, um einen besseren Standard zu erreichen - für einen längeren Übergangsbetrieb.

  • Was kommt auf die Fluggesellschaften zu?

    Besonders für Air Berlin ist die neue Lage ein Tiefschlag. Der größte Kunde am künftigen Airport will dort ein Drehkreuz mit etlichen Umsteigeverbindungen aufziehen - und musste enttäuscht feststellen, dass die Pläne nun schon wieder in die Warteschleife müssen. Die Verschiebung „geht zulasten aller Fluggäste“, so der Kommentar. Die Lufthansa mahnte, für die endgültige Fertigstellung brauche es eine belastbare Planung samt genügend Puffer für alle Fälle.

Brandenburgs CDU-Fraktionschef Dieter Dombrowski nannte die Vertrauensfrage im Landtag als „Showveranstaltung mit absehbarem Ausgang“ gebrandmarkt. Platzeck hätte über die politischen Konsequenzen aus dem Debakel des Hauptstadtflughafens Schönefeld „lieber die Brandenburger befragen“ sollen, sagte der Oppositionsführer im Potsdamer Landtag. Zugleich machte Dombrowski den Regierungschef in scharfer Form mitverantwortlich für die Pannen auf der Baustelle in Schönefeld. Platzeck tue so, als sei er mit dem Debakel „nur am Rande befasst“ gewesen, dabei habe er dabei eine „Hauptrolle gespielt“. Der Ministerpräsident trage „ganz entscheidende Verantwortung am Misserfolg“ des Milliardenprojekts. Er habe „jahrelang zugesehen, wie getrickst und getäuscht wurde“.
„Dieser Flughafen ist zu einer Last für diese Region geworden“, sagte Dombrowski und sprach Platzeck die Befähigung zum künftigen Chefaufseher der Flughafens ab. „Die einzige vernünftige Wahl“ wäre ein unabhängiger Experte.


In dem neuen Sonderausschuss sollen alle Fragen rund um den Flughafen Schönefeld konzentriert werden – vom Bau des Airports über dessen Finanzierung bis hin zum Schallschutzprogramm für die Anrainer. Mit Hilfe des Gremiums solle Transparenz und parlamentarische Mitwirkung gewährleistet werden, sagte Linksfraktionschef Christian Görke am Montag der Nachrichtenagentur dapd.

Die FDP hatte bereits in der vergangenen Woche einen Antrag zur Einrichtung eines solchen Sonderausschusses vorgelegt. Auch die Linke-Expertin Kornelia Wehlan hatte sich für ein solches Gremium ausgesprochen. Jetzt haben SPD, Linke und FDP einen gemeinsamen Antrag vorbereitet, über den noch am Montag auf einer Sondersitzung des Parlaments abgestimmt werden sollte.

BER-Debakel Wowereit sitzt es aus

Die rot-schwarze Koalition im Abgeordnetenhaus hält zu ihm

Unterdessen hält Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) die Frage nach seiner politischen Verantwortung für die Flughafenmisere für geklärt. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) habe bestätigt, dass der Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft seine Kontrollpflichten erfüllt habe, sagte Wowereit am Montag im RBB-Inforadio. Und der Bund sowie die Länder Berlin und Brandenburg als Eigentümer kämen aus der politischen Verantwortung sowieso nicht heraus.

„Für uns alle ist es ganz, ganz wichtig, dass dieser Flughafen wirklich eröffnet wird“, betonte Wowereit. Die Bauleute müssten jetzt die Probleme lösen, anders werde es nicht gelingen. Wowereit, bisher Flughafen-Aufsichtsratschef, hatte am Samstag im Abgeordnetenhaus einen Misstrauensantrag der Opposition überstanden, die vor allem ihn für das Flughafen-Debakel verantwortlich macht. Die Eröffnung des Flughafens musste bereits vier Mal verschoben werden wegen technischer Probleme.

  • 14.01.2013, 14:23 Uhrrolfnighthawk

    Was heisst hier "ich fliege"
    was für ein wahlkampfschlager!
    Das soll sich dann bei der nächsten Wahl entscheiden
    und sollte er dann fliegen, dann doch mit einem traumhaften Übergangsgeld und anschließender truamhafter Pension.
    Sofort auf Hartz4 - dieser Politgauner

  • 14.01.2013, 14:26 UhrDonSarkasmo

    Diesen Sumpf kann man nur trocken legen, indem man ihm die Gelder der Geberländer entzieht.
    Was dort abgeht, ist einfach nicht mehr zu glauben.

  • 14.01.2013, 14:32 Uhrrolfnighthawk

    Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

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