Deutschland
„Viel zweite Liga“

Der Wirtschaftshistoriker Ritschl über die Gründe für den Rückstand der deutschen Ökonomie

Wie konkurrenzfähig ist die deutsche Wirtschaftswissenschaft im internationalen Vergleich?

Ritschl: Die Situation hat sich in den letzten fünfzehn Jahren deutlich gebessert. In der Breite ist die deutsche Volkswirtschaftslehre trotzdem noch nicht international wettbewerbsfähig. Es gibt Kerne international wettbewerbsfähiger Forschung und eine große zweite Liga, von der noch nicht sicher ist, wann sie den Anschluss finden wird.

Warum hinkt die deutsche Ökonomie hinterher?

Ritschl: Ein Grund sind die Nachwirkungen des Nationalsozialismus. Vor 1933 gab es sehr hoffnungsvolle Ansätze einer mathematischen Ökonomie, die durch den Nationalsozialismus zunichte gemacht wurden. Hervorragende Wissenschaftler wurden vertrieben oder umgebracht. Das Fach wurde ideologisiert. Gefragt waren keine theorie-orientierten Ökonomen, sondern solche, die den Nazis bei der praktischen Wirtschaftslenkung halfen. Durch Hochschulbesetzungen und die institutionelle Ausrichtung der Fakultäten hat dies nach dem Krieg zwei bis drei Wissenschaftlergenerationen weiter gewirkt.

Was genau ging in der Nachkriegszeit schief?

Ritschl: Die deutschen Lehrstühle waren theoriefeindlich, viele Professoren vom internationalen Forschungsbetrieb abgekoppelt. Anfang der 60er Jahre wurden Studienordnungen für Volks- und Betriebswirte verabschiedet, die aus heutiger Sicht zu geringen Wert auf Mathematik und Statistik legte. Es wurde keine verbindliche Ökonometrie-Ausbildung und keine zusätzliche Mathematik-Ausbildung im Hauptstudium vorgesehen.

Gilt das noch heute?

Ritschl: In den letzten fünfzehn Jahren haben einzelne Universitäten unter der Führung Bonns angefangen, die für wissenschaftliches Arbeiten auf internationalem Niveau notwendige mathematische Ausbildung zum Pflichtprogramm zu machen. Die Lücken in der Statistik-Ausbildung sind heute zum großen Teil geschlossen.

Können wir mit dem Stand der Ausbildung zufrieden sein?

Ritschl: Nein, das traditionelle Diplomstudium kann nicht alle Studierende auf den Stand mathematischer und statistischer Kenntnisse bringen, die für Spitzenforschung nötig sind. Wir sollten stärker auf die in den angelsächsischen Ländern übliche zweistufige Ausbildung setzen, die sozusagen den Breitensport vom Spitzensport trennt. In den letzten Jahren haben auch in Deutschland einige Unis Doktorandenprogramme nach internationalem Standard ins Leben gerufen.

Was ist noch zu tun?

Ritschl: Im Grunde ist eine allgemeine Universitätsreform nötig. Die Habilitation und das Lehrstuhlprinzip mit der starken Bindung des Doktoranden an einen Professor,der zudem ihr Brotherr ist, ist international unüblich und ein Grund, warum die besten Nachwuchswissenschaftler das Land verlassen. Und die universitäre Selbstverwaltung ist ein Publikations- und Forschungsvernichter – sie belastet die Lehrstuhlinhaber mit einem Wust von administrativen Aufgaben.

Wie sehen Sie die Realisierungschancen?

Ritschl: Leider nahe Null. Vielleicht genießen es zu viele Kollegen, über ein kleines Imperium gebieten zu dürfen. Eine Hochschulreform, die diesen Missständen abhelfen sollte, ist leider am Bundesverfassungsgericht gescheitert.

Können die Auslandsrückkehrer bei der Erneuerung des Fachs eine wichtige Rolle spielen?

Ritschl: Das ist zu hoffen, aber nicht sicher. Ihr Problem ist es, dass sie oft einige Jahre brauchen, bis sie Kniffe und Schlichen des Systems verstanden haben. Außerdem können auch sie sich dem hohen Verwaltungsaufwand nicht entziehen. Die Folge ist häufig, dass die Publikationsrate nach der Rückkehr drastisch absinkt.

Was empfehlen Sie einem deutschen Nachwuchsforscher?

Ritschl: Er und besonders sie sollte für die Promotion an die bestmögliche internationale Universität gehen und dort auch sein oder ihr Renommee als Forscher aufbauen.. Nach Deutschland zurückzukehren, bevor man dort eine ordentliche Professur erhält, ist wegen der schlechten Perspektiven für den akademischen Mittelbau hierzulande nicht ratsam.

Was raten Sie den Studenten?

Ritschl: Sie sollten es sich bei der Fächerauswahl nicht leicht machen, sondern sich so viel mathematische und statistische Kenntnisse aneignen wie möglich. Das ist nicht nur für die Forschung wichtig, sondern auch für praktische Anwendungen. Von Banken und Versicherungen höre ich zum Beispiel, dass sie immer mehr ausländische Doktoranden einsetzen, weil sie häufig die bessere formale Ausbildung haben.

Die Fragen stellte Norbert Häring.

Albrecht Ritschl

Der Wirtschaftshistoriker studierte, promovierte und habilitierte in München. Er lehrte an der Universitäten Pompeu Fabra in Barcelona und in Zürich, bevor er 2001 einen Ruf an die Humboldt- Universität Berlin annahm.

Seine Ausbildung hat Ritschl nicht in allzu guter Erinnerung. Das statistische und ökonometrische Know-How, das er brauchte um international einigermaßen mithalten zu können, eignete er sich nach seiner Ausbildung in Selbstregie und im Ausland an.

Das Thema Situation der deutschen Wirtschaftswissenschaft beschäftigt ihn seit seiner Rückkehr nach Deutschland. 2001 hielt er auf der Tagung „Wissenschaftsemigration“ der Friedrich-Ebert- Stiftung hierzu einen Vortrag.

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