Viraler Spot
Mister Tagesschau geht nicht wählen

Auf You Tube beichtet ausgerechnet Jan Hofer als Chefsprecher der Tagesschau, dass er nicht wählen geht. Eigentlich soll der Spot die Wahlmüdigkeit anprangern. Doch das erfährt der Nutzer nicht. Die ARD mag den Auftritt ihres prominenten Frontmannes dennoch überhaupt nicht problematisch finden.

„Also, Sie werden mir das ja vielleicht nicht glauben, aber: Ich gehe nicht wählen“, sagt Jan Hofer auf der Video-Plattform You Tube. Ordentlich steht er da, im schwarzen Hemd und grauen Sakko. Er blickt ernst, eben mit seinem typischen Tagesschau-Gesicht. Dann berichten noch andere Prominente von ihrer Wahlmüdigkeit. „Politik – das sind doch alles Versager“, sagt Filmfiesling Claude-Oliver Rudolph. „Wenn sie keine Versager wären, dann wären sie ja draußen, im freien Leben, in der Wirtschaft“. Die ganze politische Klasse sei doch korrupt. Sänger Bernhard Brink sagt: „Scheiß auf die Wahl“. Star-Koch Ralf Zacherl sagt: „Geh nicht hin!“. Komiker Mike Krüger appelliert: „Geh nicht hin!“

Der Chefsprecher der Tagesschau macht also Stimmung gegen die Bundestagswahl. Ganz so ist es nicht. Es handelt sich um einen viralen Spot, der die Politikverdrossenheit und Wahlmüdigkeit anprangern soll, erklärt der Think-Tank Politik-digital als Initiator der Kampagne auf Anfrage. Dass davon im Film aber mit keinem Wort die Rede ist, dazu wollen die Macher derzeit nicht Stellung nehmen. „Mehr dazu gibt es auf einer Pressekonferenz am kommenden Dienstag in Berlin, an der unter anderen auch Tagesschau-Chefsprecher Jan Hofer teilnehmen wird", sagt Stefan Gehrke, Geschäftsführer von Politik-digital. Es soll wohl einen Überraschungsmoment geben.

Derzeit muss dem Nutzer also offenbar selbst auffallen, dass es sich um Ironie handelt. Einen Kontext bekommt er nicht geboten. Vorbild ist der US-Wahlkampf. Dort riefen Hollywood-Schauspieler und Pop-Sänger wie Harrison Ford und Will Smith in einem ähnlichen Spot zum Wahlboykott auf, wollten jedoch gerade damit die Bürger zum Kreuzchenmachen bewegen. Allerdings weist die dortige Kampagne einen entscheidenden Unterschied auf. Am Ende des Films wird die Situation aufgelöst: „Vote!“ beschwören dann die Stars und Sternchen den Zuschauer.

In Deutschland hingegen folgt die Auflösung der Kampagne samt Botschaft augenscheinlich erst in einem zweiten Spot – den die Nutzer des ersten Films unter Umständen gar nicht mehr sehen. Jene, die Ironie nicht erkennen, werden die Promis als wahlmüde Nichtwähler in Erinnerung behalten – also auch Mister Tagesschau, Jan Hofer.

Dass ein Chefsprecher des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit einer solchen Botschaft im Internet präsent ist, hält die ARD für unproblematisch. Schließlich gehe es um das Ziel einer möglichst hohen Wahlbeteiligung, sagte ein ARD-Sprecher gegenüber Handelsblatt.com. Dieses zulässige Anliegen dürfe nicht skandalisiert werden. Hofers Auftritt im Spot sei zwar nicht mit dem ARD-Vorsitzenden Peter Boudgoust abgesprochen worden, wohl aber mit der Chefredaktion von ARD aktuell.

Für „Irritation“ beziehungsweise „Entsetzen“ sorgte der Spot allerdings zunächst beim Vorsitzenden des zuständigen NRD-Rundfunkrats, Karl-Heinz Kutz, und dem Vorsitzenden des NDR-Verwaltungsrats, Hartmut Tölle. Nach „aufmerksamem Anschauen“ fürchten beide Rundfunkaufseher jedoch keinen Imageschaden für die Tagesschau. „Das Video richtet sich an junge Wähler - und die verstehen das“, sagte Tölle im Gespräch mit Handelsblatt.com. Dass die eigentliche Botschaft erst im zweiten Film folgt, hält er allerdings für nicht allzu günstig. „Die Missverständnisse könnten überwiegen“, räumt Tölle ein. Doch für die Wählermobilisierung müssten auch Wagnisse eingegangen werden. Kutz verweist auf „satirische Elemente“, die eindeutig seien und betont die „löblichen Absichten“ von Hofer. Dass jemand das Video in seine eigene Internetseite einbaut – was gängige Praxis bei You-Tube-Filmen ist – und diese Website dann wirklich zum Wahlboykott aufruft, muss laut Kutz in Kauf genommen werden. „Gegen unlautere Absichten ist man nie gefeit“, sagt er.

Mehr als 21 000 Mal ist das Video bei You Tube bereits aufgerufen worden. Die Meinungen der kommentierenden Nutzer gehen auseinander. „Da hat also jemand die 'Don't Vote' Kampagne aus USA kopiert, aber das Ende vergessen oder wie? Peinlich“, schreibt einer. Ein Anderer scheint gar keinen Durchblick zu haben: „So ein Scheiß. Irgendwelche Spinner, denen Politik am Arsch vorbei geht, weil sie sowieso genug Kohle haben! Super!“. Und dann fragt jemand: „Und wie viele raffen, dass das eine Anti Werbung ist, damit drüber diskutiert wird, dass man eben doch wählen sollte?“

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