Völkermord an Armeniern
Gauck nimmt das V-Wort in den Mund

Bundespräsident Gauck hat in einer Rede das osmanische Massaker an den Armeniern als Völkermord bezeichnet. Er ging über eine Formulierung der Regierungskoalitionen hinaus und nimmt so Spannungen mit der Türkei in Kauf.
  • 8

BerlinBundespräsident Joachim Gauck hat die Massaker an bis zu 1,5 Millionen Armeniern im Ersten Weltkrieg erstmals klar als Völkermord bezeichnet. Das Staatsoberhaupt setzte sich damit über Bedenken hinweg, dass die Einordnung des damaligen Geschehens als Völkermord die Beziehungen zur Türkei beschädigen könnte. Zugleich räumte Gauck am Donnerstag bei einem Gedenkgottesdienst im Berliner Dom deutsche Mitverantwortung für den Genozid ein. Am Freitag will der Bundestag eine Erklärung zu dem Massenmord auf den Weg bringen.

Auch die christlichen Kirchen erinnerten an die deutsche Mitverantwortung für die Gräueltaten an den Armeniern ein. Im Ersten Weltkrieg waren Armenier im Osmanischen Reich als vermeintliche Kollaborateure mit dem Feind systematisch vertrieben und umgebracht worden. Nach Schätzungen kamen zwischen 200.000 und 1,5 Millionen Menschen ums Leben. Die Türkei als Nachfolgestaat des Osmanischen Reichs lehnt die Bezeichnung Völkermord vehement ab.

Wegen des Streits um die Wortwahl hatte es in den vergangenen Tagen zwischen Bundesregierung, Koalitionsparteien und Präsidialamt einiges Hin und Her gegeben. Die Bundesregierung wollte den Begriff vermeiden. In einem Gedenkgottesdienst im Berlin benutzte Gauck nun nahezu wortgleich die Formulierung, auf die man sich schließlich für die Erklärung im Bundestag geeinigt hatte.

Der Bundespräsident sagte: „Das Schicksal der Armenier steht beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von der das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist.“ Gauck ergänzte: „In diesem Fall müssen auch wir Deutsche insgesamt uns noch einmal der Aufarbeitung stellen, wenn es nämlich um eine Mitverantwortung - unter Umständen gar eine Mitschuld - am Völkermord an den Armeniern geht.“ Er betonte: „Besonders freue ich mich über jedes ermutigende Zeichen der Verständigung und des Aufeinanderzugehens zwischen Türken und Armeniern.“

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, räumte eine deutsche Mitschuld an den Massakern ein: „Nur wenn wir diese eigene Mitschuld deutlich und klar aussprechen und anerkennen, können wir auch die Türkei dazu ermutigen, sich aufrichtig und objektiv mit dem Verbrechen des Genozids auseinanderzusetzen.“ Das moralische Versagen habe damals bis auf wenige Ausnahmen auch die evangelische Kirche betroffen.

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, sagte, es sei wichtig, „den Schrecken beim Namen zu nennen und so einen Weg zu beschreiten, den Schrecken zu bannen und Wege des Neuanfangs und der Versöhnung zu gehen“.

Der Bundestag wollte am Freitag erstmals über die geplante Erklärung beraten. Der Opposition aus Grünen und Linkspartei geht der Text nicht weit genug. Grünen-Chef Cem Özdemir warf Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) vor, übertrieben Rücksicht auf die Türkei zu nehmen.

In Armeniens Hauptstadt Eriwan soll am Freitag mit einer großen Gedenkfeier an die Massaker erinnert werden. Aus dem Ausland werden unter anderem Russlands Präsident Wladimir Putin und Frankreichs Präsident François Hollande erwartet.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Völkermord an Armeniern: Gauck nimmt das V-Wort in den Mund"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Herr Gauck sagt Völkermord nur, weil er wieder will: Deutschland soll für alles zahlen. Warum weigert er sich als Christ sich für die Christen ein zu setzen? Sind Christen keine Menschen die man schützen, retten muss? Man sehe nur die Meldungen aus dem Mittelmeer: Islamgläubige werfen Christen über Bord!!

  • Bravo Herr Bundespräsident.
    Man muss die Ereignisse so nennen, was sie sind:
    1. Völkermord
    2. Es gibt eine Mitschuld der Deutschen.

    Vorsicht:
    Scham und Schuld der damaligen Generation müssen wir uns heute als Deutsche nicht delegieren lassen. Wir nehmen zur Kenntnis und stellen sicher, dass wir uns zukünftig korrekt verhalten werden. Wir haben nun gelernt, dass (aussen-)politischer Opportunismus zu ausschließlich fatalen Ergebnissen führt.

    So, nun war die Türkei dran.
    Gut, dass wir Deutschen so viel gelernt haben.
    Bald kommt Russland dran.
    Werter Herr Bundespräsident:
    Wieviele Russen wurden unter Stalin ermordet? 50 Mio? FÜNZIGMILLIONEN MENSCHEN ERMORDET IN RUSSLAND?
    War das nicht auch Genozid, bzw. SELBSTGENOZID?
    War das nicht auch Völkermord, bzw. VOLKSSELBSTMORD oder VÖLKERSELBSTMORD?
    Bitte um Klärung.
    Wird das heute vom eigenen Volk in Russland totgeschwiegen?
    Wir DEUTSCHEN sollten da laut werden in dieser Welt!!!
    Macht ihr auf dem Baltikum und Polen alle mit?
    Ja, wir sollten gelernt haben. Gauck hat recht.
    Aber wir sollten konsequent zu Ende denken!

  • Gauck - persona non grata
    -------------------
    Für die Türkei ist Joachim Gauck jetzt persona non grata.
    Er hat sich erdreistet, den Genozid an den Armeniern als das zu bezeichnen was es ist. Ein Völkermord!
    Hier wurden bis zu 1,5 Millionen Menschen umgebracht.
    Die Türkei behauptet, leider sind beim Umzug der Armenier "einige" verstorben. Dafür konnten wir nichts. Sie sind verhungert oder erfroren.

    Da Gauck das Thema ansprach, hat er jetzt Einreiseverbot und wird wegen Beleidigung der Türkei verklagt.
    Das Gleiche gilt auch für die Bundesregierung, welche auch das V-Wort, wenn auch verklausoliert, verwenden will.
    Steinmeier (SPD) warnt davor. Er will es sich mit Sultan Erdogan nicht verderben.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%