Volks- oder Wohfühlpartei?
Der unheimliche Erfolg der Grünen

In Umfragen rangieren die Grünen bei über 20 Prozent – Kopf an Kopf mit der SPD. So beliebt wie heute waren sie noch nie. Doch manch einem ist der Erfolg unheimlich. Die Partei ist gespalten: Soll sie Volkspartei werden – oder Wohlfühlpartei bleiben?
  • 2

BERLIN. Das Fremdeln mit Deutschland gehört zum Lebensgefühl der Grünen wie der Stolz auf die Wiedervereinigung zur CDU. "Gibt es ein Land auf der Erde / wo der Traum Wirklichkeit ist?", hieß es in einer finsteren Anti-Nationalhymne von Rio Reiser, dessen Lieder für Hausbesetzer, Atomkraftgegner und Friedensdemonstranten unverzichtbar waren. "Ich weiß es wirklich nicht", lautete die verzweifelte Antwort, "ich weiß nur eins, und da bin ich sicher: dieses Land ist es nicht!" Claudia Roth war die Managerin der Band Ton Steine Scherben. Heute ist sie Vorsitzende einer Partei, die manche angesichts ihrer neuesten Umfragewerte schon "Volkspartei" nennen. Beim Wort "Volk" hätten viele der Zehntausenden, die am vergangenen Wochenende das Berliner Regierungsviertel umzingelten, nach ihrem Pfefferspray gegriffen.

Aber mit 27 Prozent der Stimmen, wie sie eine Umfrage jüngst für die Landtagswahl in Baden-Württemberg im März in Aussicht gestellt hat, ist man nicht mehr draußen vor der Tür. Keine kleine, radikale Minderheit im schwarz-gelben "Atomstaat". Man regiert auch nicht mehr nur irgendwie mit. In Berlin, in Baden-Württemberg oder in Schleswig-Holstein könnte die frühere Anti-Parteien-Partei schon sehr bald in die Verlegenheit kommen, das Zepter in die Hand nehmen zu müssen – und sogar den Regierungschef zu stellen. Die Haltung zu Deutschland ist nicht mitgewachsen mit den atemberaubenden Zahlen. Verantwortung für ein Land übernehmen, dem man doch zutiefst misstraut – hat Claudia Roths Partei da die Grenzen des Wachstums erreicht? Was genau würden die Grünen machen, wenn sie König von Deutschland wären?

Wenn es irgendwo einen Ort gibt, wo die Grünen längst Volkspartei sind, dann ist es Berlin-Kreuzberg. Christian Ströbele, 71, hat hier 2002 erstmals ein Direktmandat für den Bundestag gewonnen. Seitdem ist der Wahlkreis grün. Hier hatte die Partei mit den sagenhaft anschwellenden Sympathiewerten Jahre Zeit zu beweisen, was sie auf Bundesebene derzeit nur versprechen kann: dass sie die Partei des Gemeinwohls ist. Die Partei derjenigen, die nicht lange fragen, was für sie dabei herausspringt. Die Partei, die an das Ganze denkt, auch das von morgen und übermorgen. Die den Leuten die Wahrheit sagt, auch wenn es wehtut. In Kreuzberg aber, so sieht es jedenfalls ein ziemlich verbitterter Grünen-Kritiker, sind sie an dieser Aufgabe kläglich gescheitert. "Die Leute hier, die sind nicht glücklich mit uns. Die fragen: Warum hört man von Christian Ströbele zwar viel zum Krieg in Afghanistan, aber nichts zum täglichen Kleinkrieg an Kreuzberger Schulen? Wir wollen gute Bildung, er fordert die Einführung islamischer Feiertage. Warum fällt ihm zu Sarrazin nichts ein? Hat er schon mal mit einem Hartz-IV-Empfänger oder einem Junkie am Kottbusser Tor gesprochen? Wahrscheinlich nicht, denn er wohnt ja im Grunewald."

Der Kritiker will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Schließlich dürfen die Grünen in Berlin bei der anstehenden Wahl zum Abgeordnetenhaus mit zweistelligen Zuwächsen und vielen, vielen neuen Listenplätzen und Mandaten rechnen, und er möchte eins davon. Aber viele in der Partei fürchten, was er fürchtet: Dass die stetigen Stimmengewinne, die Renaissance des Atomthemas, die Straßenproteste in Stuttgart genau die Art von linkem Populismus – er spricht sogar von "Bigotterie" – befeuerten, wie er in Kreuzberg regiert.

Bei der Frage, ob die Grünen das Zeug zu einer verantwortlich agierenden Volkspartei haben oder doch im Zweifel in der Provinz ihrer Wohlfühl-Themen hocken bleiben werden, stößt man auf einen Riss. Er verläuft nicht unbedingt zwischen den Generationen, wie man erwarten könnte, sondern zwischen Nord und Süd. Es ist der Norden, der eher zur Pflege der linksgrünen Bewegungstradition neigt, während grüne Mandatsträger im Süden neue Wege gehen, eine eigene grüne Form von Loyalität zu ihren Ämtern, Gemeinden und Rathäusern entwickeln. Es ist vermutlich kein Zufall, dass alle vier grünen Oberbürgermeister aus dem Süden stammen.

Seite 1:

Der unheimliche Erfolg der Grünen

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Kommentare zu " Volks- oder Wohfühlpartei?: Der unheimliche Erfolg der Grünen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Volkspartei oder Wohlfühlpartei?

    Wer denkt sich nur so idiotische Alternativen aus, die jegliches Gespür für die Realität vermissen lassen? Hier soll wohl suggeriert werden, dass die Grünen als Partei eine Nische bilden, für Personen, deren höchstes politisches Streben darin liegt, sich wohl zu fühlen, während es die Wähler und Mitglieder der sogenannten Volksparteien sind, die freiwillig unter dem Joch politischer Verantwortung ächzen nach dem Motto: Einer muss den Karren ja aus dem Dreck ziehen!

    Die Wahrheit sieht doch offenkundig und unleugbar so aus, dass die Grünen von ihrem Ursprung her eine kämpferische Partei sind. Von diesem Ursprung hat sie sich, wie Sigmar Gabriel halbrichtig erkannt hat, ungefähr 100 Jahre weniger entfernt als die SPD von ihrem kämpferischen Ursprung. Darum können die Grünen auch schneller überzeugen, wenn sie in ihre kampfbetonte Ausgangskonstellation zurückfallen. Und genau das tun sie jetzt, wo sich herausstellt, wie tief die mit den Weihen politischer Verantwortung durchtränkten Volksparteien den Karren in den Dreck hineingefahren haben und immer weiter hineinschieben anstatt ihn herauszuziehen. Die Grünen sind an der misslichen Gegenwart nicht ganz unbeteiligt (HartziV), doch ihre beteiligung an dieser Weichenstellung wiegt weniger schwer als die der Volksparteien. Auch darum überzeugen sie mehr, wenn sie gegen die Regierungsbeschlüsse von heute und gestern Sturm laufen, als die Volksparteien es tun.

    Wie in den ersten Tagen der Grünen ist es wieder der Protest gegen eine bornierte Regierungspolitik (brokdorf, Mutlangen und Startbahn West lassen grüßen), der für diese Partei einnimmt. Nicht dass sie ihre Parteigänger mit wonnigstem Wohlgefühl ködert, gewinnt den Grünen Mitglieder und Wähler, sondern das Versprechen auf das ehrlichste blut, den ehrlichsten Schweiß und die ehrlichsten Tränen. Dieses Versprechen hat an Attraktivität nicht dadurch gewonnen, weil es hier im Superlativ formuliert wird, sondern weil die sogenannten Volksparteien es mehr denn je an allem missen lassen, wonach es Mann und Frau aus dem Volke verlangt: Transparenz, Fairness und vor allem Glaubwürdigkeit. Da müssen sie sich die Frage stellen, wie sie unter diesen Umständen den Anspruch einlösen wollen, Volkspartei sein.

  • Wer die Grünen wählt, "schafft Deutschland ab"
    Die Grünen sind nach wie vor eine extrem deutsch und Deutschland feindliche Partei.
    Sie kaschieren das momentan nur
    Diese Demos in Stuttgart kommen ihnen gerae Recht.
    Um was es da ber wirklich geht, wissen offenbar nicht mal die Demonstranten.
    Es wird manipuliert und das verdummte Volk läuft hinterher
    Gestern im TV als die Demos gezeigt wurden, sagte dann auch eine ältere Dame auf die Frage gegen was sie demonstrieren "wir demonstrieren gegen alles, ist da nicht toll"
    Da war ich schon sehr erschrocken.
    Eine solche manipulierte und vor allem nichtdenkene Masse würde auch einen 2. Hitler wählen und das sollte uns wirklich Angst machen.

    Und wer hat denn z. b. dieses zynische Gebilde Hartz iV isntalliert? Schon vergessen?
    Da werden seitdem ganz normale Arbeitslose mit guten und besten berufen nach einem Jahr per Gesetz zu Asozialen gemacht.
    Und die Grünen gerieren sich als soziale Partei?
    All das können sie nur, weil a.) das Land ohnehin extrem nach links gerückt ist, auch durch Merkels Schuld und b.) in vielen Jahren des Absinkens des Schulniveaus die Leute verdummt sind.
    Der liebe Gott möge usn bitte vor den Grünen bewahren.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%