Volksbefragung
Gegner wittern Missbrauch beim "Köpfe zählen"

Deutschland zählt seine Einwohner - die Gegner sehen vor allem die Detailtiefe der deutschlandweiten Befragung kritisch. Und das, obwohl sich die Statistiker schon für die Light-Version des Verfahrens entschieden haben.
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BerlinErstmals seit der Wiedervereinigung sind in Deutschland wieder die Volkszähler unterwegs: Die ersten von mehr als 80.000 Interviewern schwärmten am Montag aus, um zwischen Konstanz und Flensburg wichtige Planungsdaten für Sozialversicherungen, den kommunalen Wohnungsbau oder den Finanzausgleich zu erheben. Stichtag für die „Inventur“ der Bevölkerung ist der 9. Mai. Gegner sprechen von Sammelwut des Staates, da auch Familienstand, Schulabschluss, Nebenjobs, Migrationshintergrund und Religion abgefragt werden. Doch anders als bei der umstrittenen und von Boykottaufrufen begleiteten Volkszählung von 1987 klingeln die Interviewer diesmal nicht an jeder Tür: Nur rund ein Drittel der Bevölkerung wird unmittelbar mit dem Zensus in Berührung kommen.

Während bei der Volkszählung vor fast einem Vierteljahrhundert sämtliche 60 Millionen Einwohner der Bundesrepublik befragt wurden, begnügen sich die Statistiker dieses Mal mit einer repräsentativen Stichprobe. Befragt werden rund zehn Prozent der Bürger, zudem müssen alle 17,5 Millionen Haus- und Wohnungseigentümer einen Fragebogen ausfüllen. Auch in Wohnheimen und Gemeinschaftsunterkünften werden die Interviewer „Köpfe zählen“. Mit veranschlagten Kosten in Höhe von 710 Millionen Euro soll die abgespeckte Version deutlich billiger als eine traditionellen Volkszählung ausfallen.

Auch wenn sich die Statistiker quasi für eine „Light-Version“ des Zensus entschieden haben, bemängeln Kritiker, dass insgeheim Daten aus den Melderegistern und der Bundesagentur für Arbeit einfließen. Aktivisten des Chaos Computer Clubs (CCC) befürchten, dass „die umfassendste Bevölkerungsdatei in der Geschichte Deutschlands“ entsteht. Vielen Bürgern sei gar nicht bewusst, dass ihre Daten in den Zensus einfließen, auch wenn kein Interviewer vor der Tür stehe. „Die Informationskampagne über den Zensus ist ja erst relativ kurz vor der Befragung angelaufen. Das wurde lange Zeit unter dem Radar gehalten“, sagt CCC-Sprecherin Constanze Kurz. Die Zusammenführung der Daten und die Detailtiefe seien jedoch problematisch. Jahrelang gespeicherte Angaben böten zudem ein Einfallstor für Missbrauch.

Der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Roderich Egeler, verwies darauf, dass dem Datenschutz erste Priorität eingeräumt werde: „Jeder kann sich sicher sein: Diese Daten werden den abgeschotteten Bereich der amtlichen Statistik nicht verlassen.“ Der Datenschutzbeauftragte Peter Schaar habe das Gesetzgebungsverfahren eng begleitet. Doch auch Schaar sieht einige Punkte kritisch, etwa, dass die Interviewer auch in Klöstern, Seniorenwohnheimen, Gefängnissen und Behindernwohnheimen Daten sammeln. „Dabei handelt es sich zum Teil um Einrichtungen, bei denen schon die bloße Zurechnung mit der Gefahr verbunden ist, dass die betroffenen Menschen abgestempelt werden“, bemängelte Schaar. Auch die Frage zur Religionszugehörigkeit, deren Beantwortung freiwillig ist, hätte der Staat aus Gründen der „Datensparsamkeit“ besser weggelassen, meint der Datenschutzbeauftragte.

Die Statistiker haben nun bald eine wahre Fundgrube an Daten in ihren Händen, die es auszuwerten gilt: In 18 Monaten sollen die Ergebnisse zur Bevölkerungszahl vorliegen, in zwei Jahren die gesamte „Inventur“ der Bevölkerung abgeschlossen sein.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Zum Thema Datenschutz und "die Daten sind sicher":
    Schon beim ersten Schreiben -Vorbereitung der Gebäude und wohnungszählung im November/ Dezember 2010 wurden einigen Eigentümern in Baden Württemberg Fragebögen mit fremden Immobilien und fremden persönlichen Daten zugesandt! Da die Formulare nicht stimmten konnten sie diese auch nicht zurrückschicken.
    Bei mir wandern nun diese Schreiben in die Mülltonne. Ich bin als Steuerzahler auf Grund der Finanzkrise auch nicht bereit immer wieder das Porto für den Unfug zu bezahlen.

  • Eine Volkszählung dieser Form ist eine Farce und Steuergeldvernichtung, ohne nutzen für den Bürger.
    Weigert euch an dieser Farce teilzunehmen.
    Alle Daten sind schon längst bekannt, also nur Volksverarschung.
    Danke

  • Meine Daten sind so sicher wie bei einer Liechtensteiner Bank und die Erde ist eine Scheibe ;–))

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