Volkswirte: Humankapital bleibt wichtigster Wachstumsfaktor - Staaten wie Spanien und Südkorea preschen vor
Deutschland vernachlässigt die Bildung

Deutschlands Bildungsniveau sinkt im internationalen Vergleich. Das gefährdet die Wachstumsperspektiven des Landes, mahnen Volkswirte und Bildungsexperten.

HB DÜSSELDORF. Humankapital ist der wichtigste Wachstumstreiber noch vor Investitionen, der demographischen Entwicklung und der Handelsoffenheit eines Landes, schreibt Deutsche Bank Research in einer Studie. In reichen Ländern stünden Anbieter niedrig qualifizierter Arbeiten zunehmend unter Druck - in Folge des Strukturwandels und der steigenden internationalen Konkurrenz. Deswegen müssten die Industriestaaten das Ausbildungsniveau dringend anheben - denn echte Alternativen gebe es nicht. Sie könnten sich "von der Globalisierung abschotten (was den Wohlstand senken würde), die Löhne niedrig qualifizierter Arbeit senken (sehr unbeliebt) oder eine höhere Arbeitslosigkeit akzeptieren (dito; aber Fakt in vielen Ländern Europas)".

Spanien und Südkorea ist aus Sicht der Bankvolkswirte in den vergangenen 20 Jahren eine besonders beeindruckende Kombination aus Zunahme und Niveau des Humankapitals gelungen: Beide Länder zählten weltweit zu den Top-Wachstumsregionen bis 2020, und beide investierten zunehmend in Bildung. Deutschland schneidet dagegen im internationalen Vergleich schlecht ab: "Die niedrigen Wachstumsraten des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP) heute sind unter anderem in der Stagnation des Bildungssektors seit den 80er-Jahren begründet", heißt es in der Studie.

"Langfristig kann ein zusätzliches Jahr Bildungsstand der Bevölkerung mit einem Wachstum des Bruttoinlandsproduktes in den OECD-Staaten zwischen drei und sechs Prozent gleichgesetzt werden", sagt der Bildungsexperte der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), Andreas Schleicher.

Was Spanien und Südkorea besser machen als Deutschland? Gemeinsam sei den beiden Ländern "das eingliedrige Schulsystem und das Ziel, möglichst viele Kinder zu einem hohen Ausbildungsabschluss zu bringen, ohne dass die Qualität sinkt", schreiben die Wissenschaftler der Bank. Und beide Länder verlangen Geld für eine universitäre Bildung: In Korea betragen die Studiengebühren jährlich zwischen 4 000 und 8 000 Euro, in Spanien 700 bis eintausend Euro, zudem müssen die südländischen Studierenden Zulassungsprüfungen bestehen.

Gemessen an den Ausbildungsjahren, dem von den Deutsche Bank-Volkswirten gewählten Maßstab für den Wachstumsfaktor Humankapital (siehe "Wissen messen"), sind die Zukunftsaussichten insgesamt in Spanien am erfolgversprechendsten: Bis zum Jahr 2020 soll die Zahl der Ausbildungsjahre um mehr als 20 Prozent steigen - der kräftigste Anstieg unter den reicheren Ländern. Als Investition in die Zukunft begreift Spanien Bildung aber erst seit gut drei Jahrzehnten - in der Franco-Zeit war das Ausbildungsniveau spürbar schlechter. Heute absolvieren laut Deutscher Bank Research deutlich mehr Spanier eine Hochschule als noch vor 30 Jahren: Fast 40 Prozent der 25- bis 34-Jährigen haben einen Hochschulabschluss, aber nur zehn Prozent der 55- bis 64-Jährigen sind vergleichbar gebildet.

Gegenbeispiel Deutschland: Hier zu Lande liegt der Anteil der Hochschulabsolventen in beiden Altersgruppen jeweils bei rund 20 Prozent. "Alle fahren ihren Akademikeranteil hoch, in Deutschland tut sich nichts - das ist das Desaster", sagt Stefan Schneider, der die Deutsche Bank-Studie herausgegeben hat.

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