7 Bewertungen ****
12.08.2008 
Konjunktur

Volkswirte spotten über Glos

von Sven Afhüppe, Dorit Hess, Axel Schrinner

Kein Grund zur Panik: Berliner Regierungskreise gehen davon aus, dass die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal "um etwas weniger als ein Prozent geschrumpft" sein dürfte. Experten sehen daher keinen Grund für staatliche Konjunkturstützen - und warnen vor entsprechenden Plänen des Wirtschaftsministers.

Parteipolitik oder ehrliche Sorge um die Konjunktur? Wirtschaftsminister Michael Glos verspricht Entlastung. Foto: apLupe

Parteipolitik oder ehrliche Sorge um die Konjunktur? Wirtschaftsminister Michael Glos verspricht Entlastung. Foto: ap

BERLIN / FRANKFURT / DÜSSELDORF. Ganz so schlimm wie befürchtet scheint es nun wohl doch nicht zu kommen: Berliner Regierungskreise gehen davon aus, dass die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal "um etwas weniger als ein Prozent geschrumpft" sein dürfte. Nach dem sehr starken ersten Quartal sei daher im Moment noch kein Grund zur Panik, hieß es weiter. Einzelne Volkswirte hatten zuletzt sogar ein Minuswachstum von bis zu 1,5 Prozent im zweiten Quartal geschätzt. Der langjährige US-Notenbankchef Alan Greenspan hatte die Finanzmarktkrise gar ein Jahrhundertereignis mit weitreichenden Folgen genannt. Am Donnerstag gibt das Statistische Bundesamt seine erste Schätzung für die deutsche Wirtschaftsentwicklung im Frühjahr bekannt.

Zwar rechnet auch der Wirtschaftsweise Wolfgang Wiegard mit einem schwachen zweiten Quartal. Doch sei dies "kein schwerer wirtschaftlicher Abschwung", der staatliche Konjunkturstützen erforderlich mache. "Solche Programme lehne ich in der gegenwärtigen Situation ab", sagte der Regensburger Finanzwissenschaftler dem Handelsblatt.

Insbesondere Überlegungen von Wirtschaftsminister Michael Glos liefen in die "grundfalsche Richtung". Die Wiedereinführung der alten Pendlerpauschale unter konjunkturellen Aspekten zu fordern sei "irrsinnig". Gleiches gelte für die Beseitigung der kalten Progression - also dem Anstieg der realen Steuerlast durch inflationsausgleichende Einkommenssteigerung. "Will Glos etwa die kalte Progression wieder einführen, wenn die Konjunktur wieder läuft?", spottete Wiegard.

Ins gleiche Horn stieß Deutsche Bank-Chefvolkswirt für die Euro-Zone Thomas Mayer. Ein Konjunkturprogramm sollte die gesamtwirtschaftliche Nachfrage gezielt unterstützen, zeitlich begrenzt sein und nicht eine permanente Erhöhung der Staatsausgabe zur Folge haben sowie rasch wirken. Die Glos-Pläne erfüllten diese Kriterien nicht. "Glos verpackt mit seinem Vorschlag ein Parteianliegen unter falschem Etikett", sagte Mayer.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterBildergalerien

zurück
  • Konjunkturbeschleuniger verzweifelt g...

    Konjunkturbeschleuniger verzweifelt gesucht

    Wie soll die schwächelnde Konjunktur wieder angekurbelt werden? Im Umfeld der Bundesregierung kursieren die unterschiedlichsten Modelle. Den Stein der Weisen hat aber noch keiner gefunden. Fakt ist: Dem bereits geschnürten ersten Wachstumspaket soll ein zweites folgen....Bildergalerie 

  • Die Säulen der thailändischen Gesells...

    Die Säulen der thailändischen Gesellschaft

    Nation, Monarchie und Religion sind die drei Eckpfeiler, die den Rahmen der thailändischen Gesellschaft bilden. Die Stärke und Tragkraft der thailändischen Gesellschaft resultiert aus der Tragkraft dieser drei Säulen. Es ist der einzige Staat der dem Kolonialismus trot...Bildergalerie 

  • Thailands Flughäfen geräumt

    Thailands Flughäfen geräumt

    Aufatmen für Hunderttausende Touristen: Die thailändischen Regierungsgegner haben die Blockade der internationalen Flughäfen beendet. Bilder vom - zumindest vorübergehenden - Ende einer Krise.Bildergalerie 

vor

 

 

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Den Nullzins vor Augen  Artikel in Merkliste

05.12.2008, 07:05 Uhr von Nobert Häring

Wenn die Welt in die schwerste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit abgleitet, muss die Wirtschaftspolitik Gewohnheiten aus normalen Zeiten hinterfragen. Das gilt auch für die Geldpolitik. Innerhalb weniger Wochen haben sich die Perspektiven für Inflation und Wachstum dramatisch verändert. Da ist das übliche Finetuning der Zinsen in kleinen Schritten nicht mehr sinnvoll. Kommentar

Handelsblatt-Kommentar

Letztes Aufgebot  Artikel in Merkliste

05.12.2008, 05:19 Uhr von Helmut Hauschild

Vor allzu viel deutscher Euphorie sei tgewarnt. Die aktuelle Personalrochade könnte ein kurzes Hurra für die Bundesregierung sein. Kommentar