Deutschland

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Volkswirtschaftslehre: Der Boom der Experimentalökonomie

Experimentelle Ökonomie ist im Kommen - und Deutschland ist ganz vorne mit dabei. Doch mit dem Erfolg des neuen VWL-Zweigs wächst auch der Gegenwind.

Die Finanzkrise hat der experimentellen Ökonomie einen Schub verpasst.
Die Finanzkrise hat der experimentellen Ökonomie einen Schub verpasst.

DüsseldorfDie Schaltzentrale liegt im zweiten Kellergeschoss hinter einer schweren Stahltür. Kein Laut dringt in die drei neonbeleuchteten, fensterlosen Räume. Es herrscht Bunkeratmosphäre, und das ist auch so gewollt, denn jeder Einfluss von außen ist unerwünscht. Gut zwei Dutzend Studenten sind gekommen, um hier unten an einem Experiment teilzunehmen. Es gibt Geld zu verdienen, dafür sitzt man gerne eine Stunde im Keller.

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Aniol Llorente-Saguer, spanischer Wissenschaftler am Bonner Max-Planck-Institut, hat ein Experiment organisiert und erklärt es nun den Studenten. Sie werden in Zulieferer und Händler eingeteilt und sollen miteinander um Warenpreise und - mengen verhandeln. Der Computer gibt einige Optionen vor, eine können sie wählen. 50 Runden sind angesetzt. Die Studenten setzen sich in Computerkabinen und ziehen blaue Stoffvorhänge hinter sich zu. Es kann losgehen. Die nächste Dreiviertelstunde ist nur noch ein leises Klicken zu hören. Willkommen im BonnEconLab, dem ältesten Labor für Experimentalökonomie in Europa.

Dossier zum Download Die sieben Irrtümer des John Maynard Keynes

John Maynard Keynes revolutionierte die Ökonomie. Mit seiner Theorie vom Segen staatlicher Konjunkturprogramme verschaffte er Generationen von Politikern die Legitimation für den Gang in den Schuldenstaat. Das ist fatal.

Seit Wirtschaftsnobelpreisträger Reinhard Selten die Einrichtung 1984 gründete, haben hier fast 30.000 Personen an ökonomischen und sozialen Experimenten teilgenommen. 2004 übernahm Armin Falk, einer der Spitzenökonomen der jüngeren Generation, die Leitung. Mittlerweile finden fast täglich Versuche statt - und das EconLab hat zahlreiche Nachahmer gefunden. Die Experimentalökonomie boomt derzeit wie kaum ein anderer Zweig in der Ökonomie. Allein in Deutschland gibt es laut einer einschlägigen Liste der Universität Montpellier mittlerweile 20 Experimentallabors, insgesamt 69 in ganz Kontinentaleuropa und 61 in den USA. Rund ein Fünftel der deutschsprachigen Volkswirte beschäftigt sich mittlerweile lieber mit Versuchen anstatt mit mathematischen Formeln. „In der Experimentalökonomie sind wir ganz vorne mit dabei. Da kann Deutschland ausnahmsweise einmal mit den Amerikanern mithalten“, frohlockt Joachim Weimann, Vorsitzender der Gesellschaft für experimentelle Wirtschaftsforschung (GefW) und Wirtschaftsprofessor in Magdeburg. Wie kam es zu diesem Erfolg - und wie wird er die Volkswirtschaftslehre verändern?

Einen Schub, meinen viele, hätten die experimentellen Ökonomen durch die Finanzkrise erfahren. Diese habe die neoklassische Standardtheorie mit ihrer Rationalitäts- und Marktgläubigkeit diskreditiert und die Aufmerksamkeit auf experimentelle und verhaltensökonomische Forschung gelenkt, die die Psychologie in den Fokus rückt. „Die Finanzkrise ist nicht die eigentliche Ursache, aber sie hat das öffentliche Bewusstsein für unsere Disziplin gestärkt und ihr in der Außendarstellung geholfen“, sagt Weimann.

  • 07.04.2013, 10:03 UhrBenno

    Was für ein Schwachsinn....

  • 07.04.2013, 10:23 UhrNachrechner

    Die VWL war nie eine Wissenschaft, auch wenn die natürlich viele Professoren so propagieren. Historisch ist die VWL ein Teilbereich der Philosophie/ Sozialwissenschaften, der sich über seinen mathematischen Zweig eine Sonderstellung geschaffen hat. Letztendlich ist der schleichende Ausbau der Verhaltensökonomie das Eingeständnis, dass die reale Welt zu kompliziert ist, als das man sie in ein mathematisches Modell mit wenigen Parametern abbilden kann. Back to the roots...

  • 07.04.2013, 11:23 UhrIronimusBosch

    Die VWL war nie eine Wissenschaft, auch wenn die natürlich viele Professoren so propagieren.
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    Doch, sie basiert auf der wissenschaftlich hoch angesehenen Spieletheorie. Auf dieser Basis wurde auch die Erderwärmung erkannt. Ohne dieses Modell hätten wir niemals gemerkt, dass die Erderwärmung im Anmarsch ist, obwohl unsere Winter immer länger werden!

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