Ein derart abgewogener Ratschlag würde zur Rolle passen, die Schröder selber sich ausgesucht hat. Er weiß, dass die Parteitagsbasis für das höhere Arbeitslosengeld votieren wird. Um als erfolgreicher Kanzler in die Geschichtsbücher einzugehen, muss er den Eindruck einer persönlichen Niederlage vermeiden. Stattdessen will er in seiner Rede vor den Delegierten die Erfolge der sozialdemokratischen Außen-, Innen-, Sozial- und Familienpolitik dick herausstreichen – auch um seiner Partei etwas Selbstbewusstsein einzuhauchen.
Müntefering aber wird mit dem Beinamen „Moses“ leben müssen. „Das war eigentlich ein toller Typ“, scherzt er selbstironisch: „Der hat viel erreicht für sein Land.“ Doch der alttestamentarische Reformator starb, bevor er das gelobte Kanaan erreichte. Angeblich wurde er von den eigenen Leuten umgebracht. Der „Vatermord“ habe „Zwangscharakter“ gehabt, glaubte später Sigmund Freud. Schwacher Trost für Müntefering: Einige Jahrhunderte später nahmen die Israeliten seine Religion an.


