Vom Gast zum Star
Der 50-Prozent-Migrant

Professor Metin Tolan hat eine steile Karriere hinter sich. Als Sohn eines Türken und einer Deutschen gehört er zu denen, die es in Deutschland geschafft haben: Professor, Institutsdirektor, Vortragsreisender. Seine Mission 2006 lautet: Den Fußball berechenbar machen.

LIPPSTADT. Der Unterschied ist nur ein farblicher. Im Publikum dominieren die Haarfarben blond und brünett, 200 Bürger sitzen im Stadttheater zu Lippstadt. Migrantenanteil: unter einem Prozent. Der da allein auf der Bühne steht, wegen dem sie gekommen sind, hat dichte schwarze Haare mit dem Grauschleier des Gereiften und dunkle Brauen wie Vordächer über den Augen. Sein Migrantenanteil: exakt 50 Prozent.

Metin Tolan erklärt seinen deutschen Mitbürgern ihren Lieblingssport: Fußball. Zu Beginn lässt Tolan Rudi Assauer auf der Leinwand sagen: „Fußball ist nicht berechenbar“ – und widerlegt die Schalke-04-Legende dann „in 90 Minuten plus Nachspielzeit“: mit der Magnus-Kraft, Newtons Axiomen und der modifizierten Bessel-Funktion nullter Ordnung mit dem Argument A.

Eigentlich ist Fußball nämlich nur Physik. Und als Physik-Professor empfindet Tolan in einem WM-Jahr einen besonderen Bildungsauftrag, wenn auch so manches kühl herbei gerechnete Ergebnis der deutschen Seele schmerzt. Also: War das Wembley-Tor 1966 ein Tor oder nicht?

Präzise Antworten auf urdeutsche Fragen

Der Mann, der auf solche urdeutsche Fragen wissenschaftlich präzise antworten kann, fühlt sich auch angesprochen, wenn die Rede auf „Migranten“ kommt. Metin Tolan, 41, deutsche Mutter, türkischer Vater, gehört zu jenen von ihnen, die es geschafft haben in Deutschland: Professor, Institutsdirektor, Vortragsreisender.

Seine Geschichte ist die der Wahrwerdung des Traumes vom Paradies Deutschland, einem Land, in dem alle mit allen auskommen, egal welcher Farbe Haut und Haare sind. Tolan durfte es erleben, das fremdenfreundliche Deutschland.

Dass das noch immer – und vielleicht immer öfter – alles andere als selbstverständlich ist, weiß aber auch Tolan. Es gibt da dieses Gedankenexperiment, dass er schon mehrfach ausgeführt hat: Was tut er, wenn zehn Skinheads seine Vorlesung stören? „Die würde ich von der Polizei entfernen lassen“, sagt Tolan, ein Mann, der sich „nicht erinnern kann, schon einmal wegen seiner Herkunft diskriminiert worden zu sein“. Doch wurde einst nicht selbst Boris Becker wegen seiner dunkelhäutigen Ehefrau angefeindet? Tolan hat das nie vergessen.

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