Vom Gast zum Star
Kosmopolit mit Pilotenkoffer

Nassir Djafari lebt in Deutschland, seit er fünf Jahre alt ist. Der Sohn eines iranischen Journalisten brachte es hier bis zum KfW-Experten für Entwicklungspolitik. Seine Empfehlung für eine erfolgreiche Integration: Bildung, Bildung und noch mal Bildung.

FRANKFURT. Nassir Djafari hat früher selbst gebolzt. Deshalb schmerzt es ihn, dass die iranische Nationalmannschaft bei der Fußball-WM schon so früh ausgeschieden ist. Aber er sieht nicht nur Tore und Taktik, sondern auch die politische Dimension des Sports. Fußball sei Volkssport in Iran, wobei dem Kampf um das Runde, das ins Eckige muss, auch etwas Subversives innewohne. Denn der Sport entspreche nicht dem Menschenbild der iranischen Geistlichen – schließlich fieberten hier Männer wie Frauen gleichermaßen auf den Rängen.

Der 53-jährige Diplom-Volkswirt sieht sein Land aus der Distanz, schon lange hat er seine zweite Heimat in Deutschland gefunden. Fragt man ihn nach dem Rezept für ein erfolgreiches Zurechtfinden in der Fremde, antwortet er ohne zu zögern: „Bildung und noch mal Bildung ist der absolut entscheidende Schlüssel für die Integration ausländischer Mitbürger in Deutschland.“

Mit fünf Jahren kommt Djafari 1958 nach Deutschland, sein Vater ist Journalist und wird politisch verfolgt. Wegen der frühen Sprachenbegabung wird der jüngste von drei Brüdern schnell zum Dolmetscher der Familie, kein Arzttermin wird ohne ihn vereinbart. Dennoch hat er seine Herkunft nie verleugnet. Daraus resultierte eine ständige Gratwanderung, die bis heute anhält: „Das vollständige Abstreifen führt zu Brüchen in der Biografie, das kann niemand wollen“, sagt der Abteilungs-Volkswirt in der „Entwicklungs-Ökonomie“ der KfW-Bankengruppe.

Leben zwischen zwei Welten

Die gesamte Grundschulzeit über geht der kleine Nassir nachmittags in den Hort, lernt dort die Feinheiten der neuen Sprache und die eher schwere deutsche Kantinenküche kennen. „Ich musste mich damit anfreunden, dass es neben der mir bekannten Welt aus Reisgerichten auch Schweinebraten mit Kartoffeln gab.“ Zu Hause wird weiter Persisch gesprochen, jeden Tag bedeutet das ein Leben in zwei Welten.

Djafari fühlte sich unter Deutschen nie ausgegrenzt, eher profitiert er in den 50er- und frühen 60er-Jahren vom Anderssein. „Ich hatte immer Unterstützer, schließlich war ich wirklich einer der ersten Ausländer hier, noch vor den Italienern und Türken.“ Die Iraner in Deutschland seien überwiegend aus der Mittel- und Oberschicht gekommen, die traditionell sehr bildungsorientiert ist. Viele spätere Einwanderer aus nicht-europäischen Ländern hätten in der Heimat dagegen nur wenig Bildungschancen gehabt. Dieser Nachteil sollte heute durch gezielte Förderung in Schule und Beruf ausgeglichen werden. Dazu gehöre auch die stärkere Durchmischung von Schulen. Denn, so fragt Djafari, wie sollen sich ausländische Jugendliche, die Hauptschulen mit einem Ausländeranteil von 80 Prozent besuchen, in die deutsche Gesellschaft integrieren?

Von bürokratischen Einbürgerungsmethoden hält Djafari, der seit 1987 die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, nicht allzu viel: „Den Staatsangehörigkeitstest finde ich gut, aber man muss ihn viel realitätsnäher gestalten. Viele Fragen können auch die Deutschen nicht beantworten.“ Daraus dürfe kein Instrument der Ausgrenzung werden, letztlich entscheide doch der Wille zur persönlichen Einbindung darüber, ob man sich hier zurechtfinde oder nicht. „Das ist wichtiger als das Abfragen von relativ abstraktem Wissen.“

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