Vom Leben abgeschottet
Politik mit Tunnelblick

Die Bundespolitik wollte in der neuen Hauptstadt Berlin weltoffener und bürgernäher werden. Doch eineinhalb Jahrzehnte nach ihrem Umzug vom Rhein an die Spree schotten sich die Abgeordneten jetzt stärker von der Wirklichkeit ab. Außerhalb des Regierungsviertels sind die meisten der 614 Abgeordneten Fremde – ohne Ortskenntnis und Bezug zur Hauptstadt.

BERLIN. Wie Biber in ihre unterirdischen Wohnröhren steigen sie jetzt wieder in den Untergrund. Die Ferien sind vorbei, und Deutschlands Abgeordnete schieben sich in einem kilometerlangen Fußgänger-Tunnel von ihren Büros in den Bundestag – und zurück. „Das ist einmalig in der Welt: Unser Parlament muss nicht einmal mehr das Tageslicht zur Kenntnis nehmen“, amüsiert sich Manfred Frühauf, einst zwölf Jahre lang Büroleiter von CSU-Übervater Franz Josef Strauß, jetzt von der bayerischen Landesvertretung als Berater in die Wirtschaft übergewechselt.

Während sein Blick aus seinem grandiosen, lichtüberfluteten Lobbyisten-Büro über den Gendarmenmarkt zum Französischen Dom schweift, fällt dem intimen Kenner der Politikszenen Bonn und Berlin ein: „Wie im Tagebau verkriechen sie sich unter die Erde. “ Einer dieser Biber der Politik, ein SPD-Abgeordneter, gesteht ganz unverkrampft: „Sie können uns genauso gut auf den Mond schießen. Da bekämen wir genauso wenig mit, was um uns los ist.“

Dabei sollte in Berlin alles ganz anders werden. Während der Hauptstadtdebatte im Jahre 1991 und auch später, als sie den Umzug feierten, tönten die Berlin-Begeisterten: Endlich müssen die Abgeordneten aus ihrer Puppenstube im Bonner Regierungsviertel Tulpenfeld raus und in die harsche Wirklichkeit der Metropole. Endlich wird die im Playmobil-Format spielende deutsche Politik weltoffen und bürgernah zugleich werden. Endlich wird sie nicht länger im Treibhaus Bonn dösen, sondern sich in Berlin den rauen Wind um die Ohren blasen lassen.

Der Berliner SPD-Abgeordnete Wolfgang Thierse schwelgte damals überschwänglich von der „wunderbaren Chance“, die „bornierte Selbstüberschätzung der Politik durch das Leben und die Vitalität der Stadt“ ausgelöscht zu sehen: „Endlich kommen die Abgeordneten dorthin, wo die Probleme aufdringlich und zu besichtigen sind.“ Den bündnisgrünen Werner Schulz, Leipzig, erfüllte die Versetzung der gut Gelaunten mit höchster Vorfreude: „Die unerträgliche Leichtigkeit am Rhein hat ein Ende.“

Das war 1999, im Jahr des Umzugs. Acht Jahre später aber reiben sich viele auch der hartnäckigsten Berlin-Befürworter die Augen vor solcher Realitätsferne und ziehen lange Gesichter. Berliner Wind? Berliner Leben? Berliner Tempo? „Die Wahrheit ist: Wir bleiben immer unter uns. Selbst abends. Bei den Veranstaltungen der Parteien, Medien und Lobbys sind immer die gleichen Gäste geladen: Politiker, Journalisten, Lobbyisten“, stöhnt Michael Fuchs, CDU-Wirtschaftsexperte. Er kommt aus Koblenz, wo Rhein und Mosel mit erträglicher Leichtigkeit zusammenfließen. Fuchs aber ist betrübt. „Ich bin schon seit fünf Jahren in Berlin. Von der Stadt habe ich aber noch nichts mitgekriegt. Eine Schande!“

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