Von der Umfrage zur Prognose
Wähler sind unberechenbarer geworden

Umfragen zufolge wissen bis zu 35 Prozent der Wähler auch wenige Tage vor der Bundestagswahl noch nicht, wen sie wählen wollen. Meinungsforscher sehen darin ein beängstigend hohes Potenzial an unberechenbaren Wählern.

HB BERLIN. Die Experten erwarten am Sonntag - wie bei den vergangenen Bundestagswahlen auch - eine Wahlbeteiligung von knapp 80 %. Grundsätzlich ist das Potenzial der Verweigerer und der Kurzentschlossenen nur schwer auszumachen. Erfahrungswerte zeigen aber, dass etwa ein Drittel dieser 35 % für die Parteien bis zur Schließung der Wahllokale noch beeinflussbar sind, heißt es.

Aus den Zahlen lässt sich gleichwohl ein neuer Trend bei der Stimmabgabe ablesen, der für die Erstellung der Prognose um 18.00 Uhr erhebliche Auswirkungen hat. Immer mehr Menschen - besonders in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit - treffen erst spät eine Wahlentscheidung. Auf diese Entwicklung reagierten inzwischen die großen Parteien. Während früher quasi am Freitagabend Schluss war mit Umfragen, lassen sich heute CDU/CSU und SPD in ihren Parteizentralen bis zum Wahlsonntagnachmittag immer neue Trends errechnen.

Dieses Wählerverhalten hat auch Auswirkungen auf die Wahlberichterstattung der großen Fernsehanstalten. Quasi bis zur letzten Sekunde arbeiten Forschungsgruppe Wahlen (ZDF), Infratest dimap (ARD) und Forsa (RTL) an ihrer Prognose, die aufgrund von Umfragen in Wahllokalen punkt 18.00 Uhr gesendet werden. Noch in den 90er Jahren stand die Prognose für 18.00 Uhr schon eine viertel bis eine halbe Stunde vorher fest.

Die Unsicherheitsfaktoren für die Wahlforscher sind größer geworden, der Wähler ein Stück weniger berechenbar. Damit wurde auch die Konkurrenz zwischen den Wahlberichterstattern härter. So kam es vor, dass am späten Wahlnachmittag Zahlen der Forschungsgruppe Wahlen aus dem ZDF über drei, vier Stationen schließlich falsch bei der ARD angekommen waren. Infratest dimap "überdachte" daraufhin nochmals ihre Prognose. Die ARD ging nicht von absichtlicher Fehlinformation aus, aber von absichtlicher Indiskretion.

In den Umfragen vor der Wahl wird laut Meinungsforschern häufig den "Persönlichkeitswerten" der Kandidaten erhebliche Aufmerksamkeit gewidmet. Die Situation bei dieser Bundestagswahl weise Parallen zu den Landtagswahlen im Frühjahr in Schleswig-Holstein und Nordrhein- Westfalen auf: Ein relativ starker SPD-Kandidat trifft auf einen relativ schwachen CDU-Kandidaten. Dies war auch ein Grund für erhebliche Bewegungen in den vergangenen Wochen in den Umfragen.

Letztlich aber treffen drei Viertel der Wähler nach Parteiprogrammen und nach den damit verbundenen Kompetenzen ihre Entscheidung, nicht nach Kandidaten. Bei den Schlüsselthemen in diesem Wahlkampf, Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Situation, hatte das TV-Duell zwischen Amtsinhaber Gerhard Schröder (SPD) und Herausforderin Angela Merkel (CDU) laut Meinungsforschern einen ersten Trend erkennen lassen. Schröder lag zwar insgesamt vorne und konnte die Zuschauer auch mehr von seiner Wirtschaftskompetenz überzeugen. Merkel konnte dagegen den Kompetenzbereich Arbeitsmarkt klar für sich entscheiden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%