Von Koschnick bis Giordano
Wie Prominente das Kriegsende erlebten

So erlebten Prominente wie der emeritierte Bischof von Hildesheim Josef Homeyer oder frühere Bremer Regierungschef Hans Koschnick oder Bestsellerautor Lothar-Günter Buchheim das Ende des zweiten Weltkrieges.

Der frühere Bremer Regierungschef und Bosnien-Beauftragte der Bundesregierung, HANS KOSCHNICK (SPD), hat das Kriegsende in Brüssel erlebt. Er war erst im März, vier Wochen vor seinem 16. Geburtstag, zum Kampfverband des Arbeitsdienstes eingezogen worden: „Am 2. Mai bin ich in britische Kriegsgefangenschaft geraten. Am 8. Mai frühmorgens wurde ich unter sorgsamer Begleitung britischer Truppen durch Brüssel geführt, um in der Nähe in einem Jugendlager interniert zu werden. Als wir durch Brüssel marschierten, erklangen die Siegesglocken und die Menschen jubelten. In diesem Moment machten wir uns keine Gedanken, ob es sich um eine Niederlage oder Befreiung handelte. Wir hatten nur einen Wunsch: Dass uns die Briten heil ins Lager bringen. Die Belgier waren ja nicht beglückt, uns zu sehen.“

Der emeritierte Bischof von Hildesheim, JOSEF HOMEYER, war am 8. Mai 1945 in seinem Elternhaus in Harsewinkel. Homeyer war 15 Jahre alt: „Die ganze Situation war bedenkenswert. Meine beiden Brüder waren im Osten vermisst. Ich musste mich auf Geheiß meiner Eltern auf dem elterlichen Hof verstecken, da meine Eltern darauf bestanden hatten, dem Mitte März eingetroffenen Gestellungsbefehl nicht mehr zu folgen. Als am Vormittag des 8. Mai unser „Volksempfänger“ die deutsche Kapitulation verkündete, stürmte ich auf den Hof und rief meinem Vater zu: „Deutschland hat kapituliert, der Krieg ist zu Ende.“ Dies hatte ich offensichtlich mit einiger Begeisterung gesagt, jedenfalls reagierte mein Vater mit gehobener Stimme: „Du freust dich, Junge? Deutschland hat den Krieg verloren, begreifst du nicht, was das heißt? Armes Deutschland. Die Nazis haben Europa verwüstet und Deutschland vernichtet.“ Es wurde ein stummer und trauriger Tag. Niemand wollte essen. Am Abend schluchzte meine Mutter: „Und wo sind nur unsere beiden?““

Für den Bestsellerautor LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM war das Kriegsende „ganz undramatisch“. Er war damals 27 Jahre alt und erfuhr von der Kapitulation Deutschlands in Oberbayern: „Der Krieg war einfach zu Ende. Der Friede hat mich Zuhause überrascht.“ Buchheim, der seine Kriegserlebnisse in dem verfilmten Welterfolg „Das Boot“ beschrieben hat, war in den letzten Kriegstagen noch am Arm verletzt worden und hatte sich von Frankreich aus von „Feldlazarett zu Feldlazarett“ bis zu seinem oberbayerischen Heimatort „gehangelt“. „Als die US-Panzer dann wirklich kamen, war auch der Arm plötzlich wieder gesund.“ Später seien GIs gekommen, den habe er dann seine Pistole gegeben. „Es waren richtige Texas-Boys, sie waren sehr nett. Aber ein richtiges Datum hat es für uns nicht gegeben. Wir wussten gar nicht, ob es April oder Mai war.“

MANFRED ROMMEL, der ehemalige Stuttgarter Oberbürgermeister und Sohn des legendären „Wüstenfuchses“ Erwin Rommel, war 16 Jahre alt, als der Krieg zu Ende ging. Er erfuhr von der Kapitulation in einem Arbeitslager: „Die Nachricht von der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands löste in mir gemischte Gefühle aus: Einerseits Schmerz, Trauer, fast Verzweiflung, andererseits ein Gefühl der Erleichterung und Befreiung darüber, dass die NS-Herrschaft zu Ende war. So war auch die Stimmung im Kriegsgefangenenlager der französischen Armee im Lindau, zumal bekannt wurde, was in den Konzentrationslagern geschehen war. Bald gingen so genannte Latrinenparolen um, unter anderem Gerüchte, dass die Amerikaner und Briten deutsche Truppen gegen die Russen einsetzen wollten. Natürlich wurde der Zeitpunkt der Entlassung mit optimistischen und pessimistischen Versionen diskutiert.“

Der Schriftsteller RALPH GIORDANO war in Hamburg, als er die Nachricht hörte. Er war 22 Jahre alt und musste sich wegen seiner jüdischen Herkunft vor den Nazis versteckt halten. Monatelang lebte er mit seinen Eltern und Brüdern in einer feuchten Kellerruine. Für ihn war die Kapitulation die „unvergesslichste Stunde“ seines Lebens. „Plötzlich war die Angst vor einem jederzeit möglichen Gewalttod weg - das war ein unbeschreibliches Gefühl. Als wir am 4. Mai britische Panzer an unserem Versteck vorbeifahren hörten, sind wir nach vierwöchigem Hungern vollkommen geschwächt und auf allen Vieren auf die Soldaten zugekrochen. Nie werde ich das entsetzte Gesicht des Soldaten vergessen, der uns - in zerlumpten Kleidern und von Ratten zerbissen - als Erster erblickte. In diesem Moment war die Angst weg, die Angst, die uns zerfressen hatte. Das Gefühl war unbeschreiblich, es war wie in einer neuen Welt, wie auf einem anderen Planeten. Zwölf Jahre Verfolgung und Isolation hatten ein Ende.“

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