Von Stackelberg
„Wir müssen Medikamentenpreise reduzieren"

Auch der Gesundheitsbereich belastet die Verbraucher über Gebühr. Das sieht auch der Vizechef des Kassenverbands so. Im Interview erläutert Johann-Magnus von Stackelberg, wie das geändert werden kann.
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Handelsblatt: Jahrzehntelang konnten Arzneimittelhersteller ihre Preise in Deutschland frei festlegen. Die Kassen mussten zahlen. Nun verhandelt ihr Verband erstmals auf Basis einer frühen Nutzen- bewertung über Preise. Die Hersteller fühlen sich teilweise über den Tisch gezogen. Wie ist Ihre Zwischenbilanz?

Johann-Magnus von Stackelberg: Das Ganze ist ein lernendes System. Da lernen die Unternehmen, aber auch wir mit jeder Verhandlungsrunde dazu. Aber so viel lässt sich jetzt schon sagen: Es hat sich im Grundsatz als tragfähig erwiesen, die frühe Bewertung des Zusatznutzens neuer Medikamente zum Ausgangspunkt der Preisverhandlungen zu machen.

Sehen Sie unter dem Strich die alte Pharmakologenkritik bestätigt, dass viele neue Präparate nur Scheininnovationen sind, also kaum Zusatznutzen haben?

Eindeutig ja.

Zum Beispiel?

Der Gemeinsame Bundesausschuss hat für insgesamt acht Präparate keinen zusätzlichen Nutzen erkennen können. Daraufhin haben vier Unternehmen entschieden, mit ihrem Produkt aus dem deutschen Markt zu gehen. Die Firmen haben also erst gar keine Preisverhandlungen aufgenommen, um zu verhindern, dass die Preise, die sie in Deutschland aufgrund des fehlenden Zusatznutzens gekriegt hätten, im Ausland Schule machen.

Das waren Boehringer Ingelheim, Novartis, Glaxo Smith-Kline und Pfizer, deren Produkte deutschen Patienten nicht mehr zur Verfügung stehen.

Für die Patientenversorgung ist das in der Regel kein Problem. Denn hier ging es nicht um Innovationen. Für die betreffenden Krankheiten gibt es längst ähnlich wirkende Medikamente. Patienten in Deutschland werden daher auch in Zukunft nach den bestmöglichen medizinischen Standards behandelt.

Also alles kein Beinbruch?

Diese Arzneimittelreform stellt auf den Zusatznutzen neuer Medikamente ab. Unter diesem Fokus müssen wir auch teure Me-too-Medikamente identifizieren und ihre Preise auf ein vertretbares Niveau reduzieren. Bisher brachten viele Unternehmen neue Medikamente einer bestimmten Therapierichtung auf den Markt, die sich nur in Molekülvarianten von den Vorläufern unterschieden, für die Versorgung also keinen Gewinn darstellen, vom Preis her jedoch Innovationsstatus beanspruchen. Diese Strategie funktioniert nun nicht mehr, und das ist auch gut so.

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„Ich bin froh, dass wir nur nach Nutzen urteilen"

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