Vor 40 Jahren Wie der Terror-Herbst die Republik veränderte

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Erlösende Meldung aus Mogadischu

„Wir brauchen eine globale Antwort“ – Wie die Welt nach Barcelona zusammenhält

„Wir brauchen eine globale Antwort“ – Wie die Welt nach Barcelona zusammenhält

Im Bonner Kanzleramt sitzt zu diesem Zeitpunkt die „Große Lage“ zusammen. Nach Stunden des zermürbenden Wartens kommt die erlösende Nachricht. Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski meldet seinem Chef über eine stark gestörte Telefonleitung aus Mogadischu: „Die Arbeit ist erledigt.“ Schmidt hatte für den Fall eines Scheiterns der Aktion seinen Rücktritt schon vorformuliert. Es ist „wohl der dramatischste Augenblick meines Lebens seit dem Krieg“, wird er später sagen.

Nach der erfolgreichen Aktion des Spezialkommandos des Bundesgrenzschutzes ist die Erleichterung in Bonn zunächst groß. Der Kanzler und der Krisenstab setzen darauf, dass die Schleyer-Entführer nun aufgeben werden. Doch das Gegenteil passiert.

Im Nachtprogramm des Rundfunks wird die Nachricht von der Befreiungsaktion in Nordafrika verbreitet. Trotz „Kontaktsperre“ mit dem Verbot „jedweder Verbindung untereinander und mit der Außenwelt“ erfahren die Stammheimer Häftlinge davon. Schon bei Verhören haben sie angedroht, dass sie auf einen Selbstmord als „Entscheidung über uns“ vorbereitet sind. Mit Hilfe einiger Anwälte haben sie Waffen und Sprengstoff in den Stammheimer Hochsicherheitstrakt geschmuggelt.

Als am frühen Morgen des 18. Oktobers, wenige Stunden nach der Befreiungsaktion in Mogadischu, gegen 08.00 Uhr die Zellen der Häftlinge geöffnet werden, finden die Wärter zuerst den schwer verletzten Raspe, der kurz darauf stirbt. Baader liegt mit einem Kopfschuss tot in einer Blutlache. Ensslin hat sich in ihrer Zelle am Fenstergitter erhängt. Irmgard Möller überlebt als einzige mit Stichwunden in der Brust die Todesnacht im siebten Stock des Gefängnisses.

Ein Tag später, am 19. Oktober um 16.21 Uhr, läutet das Telefon bei der Textaufnahme im Stuttgarter Büro der Deutschen Presse-Agentur. Eine weibliche Stimme beginnt zu diktieren: „Hier RAF (...) Wir haben nach 43 Tagen Hanns Martin Schleyers klägliche und korrupte Existenz beendet. Herr Schmidt (...) kann ihn in der Rue Charles Peguy in Mülhausen in einem grünen Audi 100 mit Bad Homburger Kennzeichen abholen.“ Auf die Zwischenfrage eines Redakteurs, ob die Anruferin einen Beweis für die Echtheit der Mitteilung habe, antwortet sie knapp: „Sie werden es sehen, wenn Sie das Auto gefunden haben.“

Es wird noch viele Stunden dauern, bis die Nachricht an die Öffentlichkeit dringt. Die Bundesregierung hatte eine „Nachrichtensperre“ verfügt. Hintergrund: Mitteilungen der Entführer an einzelne Medien sollten nicht vor einer Freigabe durch die Sicherheitsbehörden veröffentlicht werden, um die Suche nach dem RAF-Versteck nicht zu gefährden. Heute, im Zeitalter der sozialen Medien, wäre eine solche „Steuerung“ wohl kaum noch möglich.

Es wird Abend, bis der Fundort im Elsass weiträumig abgesperrt ist und dann der Kofferraum des Audis geöffnet werden kann. Darin liegt: Hanns Martin Schleyer, aus nächster Nähe mit Kopfschüssen ermordet. Bis heute ist ungeklärt, wer genau aus dem Kreis der inzwischen verurteilten RAF-Terroristen die tödlichen Schüsse abgab.

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