Vor allem Alt-Abgeordnete werden auf Kandidatenlisten abgesichert
SPD gibt Nachwuchs kaum eine Chance

Angesichts der kurzen verbleibenden Frist bis zur Neuwahl des Parlaments vertagt die SPD ihre personelle Erneuerung. Auf den vorderen Plätzen der Landeslisten für den Urnengang am 18. September kandidieren überwiegend altgediente Abgeordnete.

BERLIN. „In der größten Not setzt man auf Bewährtes“, urteilt ein Mitglied des Parteivorstandes. Einzig die Parteilinke Andrea Nahles und der frühere niedersächsische Ministerpräsident Sigmar Gabriel konnten sich als Newcomer ein Ticket nach Berlin sichern.

In den Ländern werden derzeit die Kandidatenlisten für die Bundestagswahl erstellt. Ihnen kommt eine viel größere Bedeutung zu als 2002, weil viele Abgeordnete befürchten müssen, dass sie ihren Wahlkreis nicht mehr direkt holen. Nach Prognosen könnte sich die Fraktion von derzeit 249 Mandatsträgern um mehr als 50 Köpfe verkleinern. Entsprechend groß ist das Gerangel um die vorderen Plätze. Zwölf Listen sind bereits verabschiedet, die restlichen vier in Bayern, Berlin, Brandenburg und Schleswig-Holstein sollen bis Mitte August folgen.

Schon die Spitzenkandidaturen lassen von dem öffentlich immer wieder eingeforderten Generationswechsel nichts erkennen: In Nordrhein-Westfalen tritt Parteichef Franz Müntefering an, der dem Bundestag seit acht Legislaturperioden angehört. Kanzler Gerhard Schröder führt die niedersächsische SPD in den Wahlkampf. In Hessen machte der 63-jährige Finanzminister Hans Eichel für die 62-jährige Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul Platz. In Hamburg gab es zwar eine kleine Revolte, in deren Folge der 68-jährige Außenpolitiker Hans-Ulrich Klose verdrängt wurde. Doch seine Stelle nimmt mit dem 61-jährigen Ex-Bürgermeister Ortwin Runde ebenfalls ein arrivierter Politiker ein. In Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg waren die Spitzenplätze neu zu besetzen, weil Rudolf Scharping und Ute Vogt nicht mehr antreten. Dort kandidieren nun Innen-Staatssekretär Fritz Rudolf Körper und Gesundheits-Staatssekretärin Marion Caspers-Merk, die dem Parlament beide seit 1990 angehören.

Besonders krass ist die Lage in Nordrhein-Westfalen: Von den ersten zehn Kandidaten ist nur einer jünger als 50 Jahre. Alle sicheren Plätze gingen an Alt-Abgeordnete. Selbst der Erfinder des SPD-Lieblingsprojekts Bürgerversicherung, Karl Lauterbach, wurde mit dem aussichtslosen Platz 78 abgespeist. Der 42-jährige Professor muss sich nun in Leverkusen die Hacken ablaufen, um den Wahlkreis direkt zu holen.

Ähnlich geht es den Frankfurter Bewerbern Ulli Nissen (45) und Gregor Amann (42). Sie hatten die beiden Wahlkreise der Mainmetropole von ausscheidenen Abgeordneten übernommen. Für die Newcomer blieben nur Platz 15 und 20 der Landesliste. Inoffiziell gilt schon Platz 14 als höchst gefährdet. Da die beiden Wahlkreise 2002 nur knapp direkt gewonnen wurden, könnte es sein, dass die Frankfurter SPD im nächsten Bundestag gar nicht vertreten ist. Solche „Kassandrarufe“ weist Gert-Uwe Mende, der Sprecher der Hessen-SPD, zurück: „Wir werden uns nicht mit 14 Plätzen zufrieden geben“, erklärt er trotzig: „Dann ist auch Frankfurt drin.“

„Wer neu kommt, muss sich anstellen“, beschreibt ein SPD-Insider das Gesetz der Listenaufstellung. Es gilt jedoch nicht immer: Justizministerin Brigitte Zypries (51), die bislang kein Mandat hatte, wurde in Hessen auf Platz 13 abgesichert. Schon 2002 war dem von der IG Metall kommenden Ex-Sozialminister Walter Riester (61) ein vorderer Platz in Baden-Württemberg freigeräumt worden. Er wurde nun erneut auf Rang zehn abgesichert – fünf Plätze hinter Ex-Justizministerin Herta Däubler-Gmelin (61), die seit 33 Jahren im Bundestag sitzt.

Das von Jungsozialisten und SPD-Linken angestrebte Ziel, „40 unter 40“ ins Parlament zu bringen, dürfte so weit verfehlt werden. Intern herrscht darüber zwar Verärgerung. Doch will der Nachwuchs derzeit nicht mit öffentlicher Kritik den Wahlkampf stören. Für den Parteitag im November werden aber harte Auseinandersetzungen erwartet.

Ex-Juso-Chef Niels Annen konnte sich in Hamburg-Eimsbüttel immerhin als Direktkandidat durchsetzen. Zwar blieb dem 32-Jährigen ein sicherer Listenplatz verwehrt, doch gilt eine Kandidatur in dem Wahlkreis, der zuletzt mit 51,3 Prozent an die SPD fiel, als durchaus chancenreich. „Das ist ein gutes Zeichen“, urteilt Annen. Diplomatisch räumt er ein: „Nicht überall wurden solche Entscheidungen getroffen.“

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