Vor dem Flüchtlingsgipfel
Die Wohnungsnot verschärft sich

Drohende Wohnungsnot: In den nächsten fünf Jahren fehlen in Deutschland 400.000 Wohnungen – und die Lücke wird nicht kleiner. Denn: Seit Jahren schiebt Deutschland nun schon ein Wohnungsdefizit vor sich her.
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BerlinDer Mangel ist riesig, und er wird von Jahr zu Jahr größer: Deutschland schiebt ein „riesiges Wohnungsdefizit“ vor sich her, das weiter wächst. Das ist das Fazit des Verbändebündnisses „Sozialer Wohnungsbau“. Das Bündnis hatte eine Wohn-Studie beim Pestel-Institut in Hannover in Auftrag gegeben.

Nach dessen Berechnungen sind seit 2009 etwa 770.000 Wohnungen zu wenig gebaut worden. Um dieses Defizit auszugleichen, müsse Deutschland in den nächsten fünf Jahren 400.000 Wohnungen jährlich bauen. Bundesbauministerin Barbara Hendricks (SPD) hatte vergangene Woche noch von einem Bedarf von 350.000 neuen Wohnungen pro Jahr gesprochen.

Jetzt sei der Punkt erreicht, an dem man handeln müsse, mahnte das Bündnis, dem elf Organisationen und Verbände der deutschen Bau- und Immobilienbranche sowie Planer und Architekten angehören, darunter auch der Deutsche Mieterbund (DMB), die IG Bau und der Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW).

Jahrelange Forderungen, wie die Ausweitung von Bauland oder die Erhöhung der steuerlichen Abschreibung, müssten endlich umgesetzt werden. In den 90er-Jahren, nach dem Fall der Mauer, sei schon einmal ein Neudenken notwendig gewesen, hieß es.

„Heute müssen wir wieder Flexibilität zeigen. Wenn wir jetzt nichts tun, ist es in zwei Jahren zu spät“, appellierten die Verbände in Richtung des für den Nachmittag geplanten Flüchtlingsgipfels von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Ministerpräsidenten der Bundesländer.

Es könne aber nur etwas passieren, wenn Bund und Länder das „Katz-und-Maus-Spiel“ aufgäben und sich nicht gegenseitig der Untätigkeit beschuldigten, sagte Matthias Günther, Autor der Studie. „Bezahlbarer Wohnraum muss für öffentliche und private Investoren attraktiver werden.“

Hier sei der Staat in der Verantwortung, seinen Teil beizutragen. Der Verzicht auf Grunderwerbsteuer und Grundsteuer solle selbstverständlich sein. „Der Markt alleine wird es kaum richten.“ Lukas Siebenkotten, Direktor des Deutschen Mieterbundes, forderte eine „nationale Kraftanstrengung“ von Bund und Ländern: „Anders geht es nicht“.

Auch Chris Kühn, Sprecherin für Bau- und Wohnungspolitik bei den Grünen, fordert ein Bauprogramm von der Bundesregierung. Zu lange habe die Regierung „die Hände in den Schoß gelegt“. Die Grünen unterstützen die Forderung des Städte- und Gemeindebundes, soziale Wohnraumförderung auf zwei Milliarden Euro aufzustocken. Es könne nicht sein, dass Kommunen in Vorleistung treten müssen.

Der Wohnungsmangel trifft nicht nur Flüchtlinge, sondern generell Menschen mit niedrigem Einkommen. 2014 sind zwar rund 245.000 neue Wohnungen gebaut worden, aber nur etwa 70.000 im preisgünstigen Segment. Erforderlich laut Verbändebündnis sind aber 80.000 Sozialwohnungen und 60.000 Wohnungseinheiten im bezahlbaren Wohnungsbau, pro Jahr.

Kommentare zu " Vor dem Flüchtlingsgipfel: Die Wohnungsnot verschärft sich"

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  • Erstens: Die Abschreibemöglichkeiten sind jetzt schon riesig im Verhältnis zu den mikriken Darlehenszinsen. Mehr Anreize sollten eigentlich unnötig sein.
    Zweitens: Es trifft nicht Menschen mit niedrigem, sondern die mit mittlerem Einkommen. Denn die mit niedrigem Einkommen bekommen Sozialwohnungen dort, wo sie die mit mittlerem Einkommen das Wohnen nicht leisten können. Eigentlich ein Irrsinn.
    Drittens: "Kaltmieten drücken" wird niemanden dazu motivieren, Wohnungen zu bauen. Im Gegenteil.
    Und zuletzt: Wenn zuviele Menschen in den Ballungszentren wohnen wollen, sollte die Politik überlegen, wie sie die anderen Regionen attraktiver machen könnte. Eine Sonderbewirtschaftungszone (SBZ), z.B. im Osten Deutschlands mit baulicher Abgrenzung wäre doch mal ein guter Anfang.

  • Faszinierend wie das Handelsblatt mit einer Aussage: Muss bald jemand unter der Brücke schlafen? Sich auf das Niveau der Bild begibt. Hauptsache einen Klick generieren und sich dann wundern das es Menschen gibt, die die keine Flüchtlinge im Land haben wollen. Genau diese Art der Berichterstattung sorgt dafür, dass Menschen ohne Bildung Angst bekommen.

  • @Herr Hans Mayer
    Zitat:
    "Bevor ich hier was zur Vermietung......"

    Tja, und recht haben Siue - leider. Denn Honneckers Rache im Hosenanzug wird schon dafür sorgen, dass den privaten Immobilieneigentümern auch noch die Freude an diesem Teil der Altersvorsorge vergeht.

    http://www.sueddeutsche.de/politik/wohnraum-fuer-fluechtlinge-ein-gespenst-namens-zwangsvermietung-1.2645184

    @Herr Peter Langenhagen
    Der Import billigster arbeitskräfte für die ausländischen Investoren gehörenden "deutschen" Grosskonzeren, dürfte ein wesentlicher Aspekt bei der von Frau Merkel angestßenden Völkerwanderung sein. Und mancher Konzernlenker betont ja geflissentlich die Vorteile für Deutschland (s Konzerne) :-).

    Wäre es da nicht konsequent, wenn die Herren mal anfangen würden, für ihr Ersatzarbeiterheer selbst Unterkünfte zu bauen? Aber das definiert man dann über Frau Merkel lieber als nationale Aufgabe unserer lupenreinen Dämokratie.

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