Vor dem TV-Duell
Politikfreier Wahlkampf der Parteien

Wenn sich Angela Merkel und Gerhard Schröder am Sonntagabend ab 20.30 Uhr vor laufenden Kameras duellieren, darf es entgegen aller Erwartungsgier keinen Besiegten geben. In dem Verfahren Merkel vs. Schröder wird niemand wie in klassischen Western im Staub enden. Denn in Wahrheit ist das Incontro der um die Macht Ringenden nicht auf 90 Minuten, sondern auf die nächsten 14 Tage angesetzt.

HB BERLIN. Alle wollen das so. Vor allem die Printmedien. Denn sie allein sind es ja, so hämmern uns die Meinungsforscher wenigstens ein, die letztendlich mit ihren Geschichten und Kommentaren über Aufstieg und Fall der Kontrahenten entscheiden. Dann dürfen sie ihr liebstes Spiel treiben: Kassandrarufe ausstoßen oder Halleluja jauchzen.

Atemlos wird deshalb ab Montag gedeutet, interpretiert und gemutmaßt werden. Es will über Haspler und Versprecher, seine Krawatte und ihren Blazer, über Merkels Lächeln und Schröders überraschend dunkle Haare geurteilt sein. It’s Showtime! Daumen rauf, Daumen runter! Brot und Spiele.

Das TV-Duell ist auch eine gigantische Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für die Medien. Entsprechend monströs fällt das Setting aus: Den Kontrahenten stehen vier Moderatoren, je zwei der öffentlichen und privaten Anstalten gegenüber. Alles wird kontrolliert: Schröder muss zuerst antworten, 60 bis 90 Sekunden, am Ende darf Merkel das letzte Wort haben. Politik im Sekundentakt.

Das „jus primae questionis“, das Recht auf die erste Frage im Rondell, teilen sich Sabine Christiansen (ARD) und Christian Kausch (Sat 1). Am Schluss teilen sich Maybrit Illner (ZDF) und Peter Kloeppel (RTL) die Ehre der letzten Frage. Ein Duell der Sekundanten im Duell: Spieglein, Spieglein an der Wand, wer hat den besten Frager im ganzen Land?

Dass der Teppich im TV-Studio zu Adlershof rot ausfallen wird, soll keine Assoziation an archaischere Formen des Zweikampfes wecken, die gar mit Blutvergießen enden. Bemüht betonen die Sender deshalb, das Gewebe des Teppichs sei ein „entfettetes Rot“. Doch was Colour-Correctness sein soll, klingt nach „verwässertem Wein“.

Derart entfettet neutral werden über 500 Quadratmeter Studiofläche von den Protagonisten bespielt. Kreisrund ist ihre Arena. Der Herr und die Dame harren stehenden Fußes der Fragen, während die Frager von Pärchen-Tischchen zu den Hauptdarstellern aufblicken dürfen.

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