Vor der Hamburg-Wahl
Hamburgs Bürgermeister unter Druck

Droht der Union nach dem Debakel in Hessen bei der Hamburg-Wahl am 24. Februar die nächste Niederlage? In den Umfragen jedenfalls ist es mit der absoluten Mehrheit der Regierungspartei vorbei. Die sieht sich nun nach möglichen Bündnispartnern um - und könnte dabei politisches Neuland betreten.
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HAMBURG. Pünktlich um zwölf Uhr stoppt die dunkle Limousine in der Siedlung im Hamburger Ortsteil Lurup. Die Jungs vom Fernsehen schnippen ihre Zigaretten weg, bringen die Kameras in Stellung. Hamburgs Regierungschef Ole von Beust stößt die gepanzerte Autotür auf, knipst sein Bürgermeister-Lächeln an, schüttelt Hände, blickt staatsmännisch in der Gegend herum. Ein paar Kinder überreichen Blumen und ziehen dann weiter auf einen Spielplatz, der auf Drängen der CDU renoviert worden ist.

Der Bürgermeister schaut aus einem ganz besonderen Grund in dem klassischen SPD-Revier vorbei: Hier, in der Sozialsiedlung am Dosseweg, kämpften die Mieter jahrelang gegen schimmelnde Wohnungen, heruntergekommene Außenanlagen - und einen uneinsichtigen Vermieter. Bewegung kam erst in die Angelegenheit, als ein CDU-Abgeordneter und der Bürgermeister die Wohnungsbaugesellschaft in die Mangel nahmen. Jetzt will sich von Beust medienwirksam das Lob abholen.

Ein älteres Rentnerpaar, das hier gleich um die Ecke wohnt, verfolgt das Spektakel in sicherem Abstand. Werden sie ihn wählen? "Klar", sagen beide ohne Umschweife, "von Beust hat sich wenigstens um uns gekümmert." Der Bürgermeister kann die Stimmen gut gebrauchen. Von Beust steht unter Druck. Ole muss liefern. Glaubt man Umfragen, wird es eng. Die Bundespartei ist nach der Wahlschlappe in Hessen nervös. Jetzt bloß nicht auch in Hamburg verlieren, jetzt bloß keinen Abwärtstrend erkennen lassen! Alles, was in der Union Rang und Namen hat, wird an die Elbe gekarrt, von Bundeskanzlerin Angela Merkel bis zum Niedersachsen-Sieger Christian Wulff. Nur Roland Koch muss in Hessen bleiben.

Doch das Staraufgebot wird kaum verhindern können, dass von Beust seine absolute Mehrheit verliert. Was dann kommt, ist ungewiss. Wird Hamburg das erste Bundesland mit einer schwarz-grünen Regierung? Schaffen die chronisch schwächelnden Liberalen die fünf Prozent? Ziehen die Linken in die Bürgerschaft ein und erzwingen eine große Koalition, weil Schwarz und Grün nicht zueinanderfinden? Oder verliert von Beust Haus und Hof an eine rot-grüne Mehrheit, angeführt vom sozialdemokratischen Überraschungskandidaten Michael Naumann?

Noch vor Monaten sah es, ähnlich wie für Roland Koch in Hessen, so aus, als säße von Beust sicher im Sattel. Die Hamburger SPD hatte sich im Streit um den richtigen Spitzenkandidaten auf absurde Weise verkeilt, während von Beust in aller Ruhe am Image des moderierenden, präsidialen, hanseatisch zurückhaltenden Regierungschefs modellierte. Quasi im Wochentakt wusste er gute Zahlen zu vermelden: mehr Jobs, mehr Wachstum, weniger Schulden. "Der Stadt", sagt Hans-Jörg Schmidt-Trenz, Hauptgeschäftsführer der Hamburger Handelskammer, "geht es heute so gut wie seit der Gründerzeit nicht mehr." Dennoch tut sich von Beust schwer, aus der urbanen Dynamik politisches Kapital zu schlagen. Kurz vor der Wahl mischen sich Beschwerden über lokale Pannen in ein großes gesamtgesellschaftliches Grummeln.

Justizsenator Carsten Lüdemann musste zugeben, wegen eines Computerfehlers mit falschen Kriminal-Statistiken hantiert zu haben. Dann versteigerte die Hamburger Staatsanwaltschaft im Internet zuvor beschlagnahmte Messer. Gleichzeitig hat die Gerechtigkeitsdebatte auch Hamburg erreicht. Die sozialdemokratisch sozialisierte Stadt diskutiert über Mindestlohn, Managergehälter und die Frage, warum der Aufschwung nicht unten ankommt. Herausforderer Naumann greift diese Themen auf.

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