Vorstand gerügt
Sarrazin-Äußerungen empören Bundesbank

Die Bundesbank hat in ungewöhnlich scharfer Form Äußerungen ihres Vorstandsmitglieds Thilo Sarrazin zurückgewiesen. Sarrazin hatte sich in einem Interview diskrimierend über Türken, sozial Schwache und Berliner geäußert.

FRANKFURT. „Die Deutsche Bundesbank distanziert sich entschieden in Inhalt und Form von den diskriminierenden Äußerungen von Dr. Thilo Sarrazin“, teilte die Bundesbank am Mittwoch mit. In einem Interview mit dem Berliner Intellektuellenmagazin „Lettre International“ hatte Sarrazin die mangelnde Integration von Ausländern in Berlin mit den Worten kritisiert: „Eine große Zahl an Arabern und Türken in dieser Stadt, deren Anzahl durch falsche Politik zugenommen hat, hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel.“

Sarrazin beklagte in dem Interview zur Entwicklung Berlins, „dass 40 Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden“ und diese Unterschichtskinder die Schulen füllten. Der ehemalige Berliner Senator (SPD) und derzeitige Bundesbankvorstand plädierte auch für eine Änderung bei der Wirtschaftsansiedlung: „Türkische Wärmestuben können die Stadt nicht vorantreiben“, meinte er und fügte hinzu: „Ich würde einen völlig anderen Ton anschlagen und sagen: Jeder, der bei uns etwas kann und anstrebt, ist willkommen; der Rest sollte woanders hingehen.“ Den Berlinern hielt er vor, die Stadt sei belastet von „der 68er-Tradition und dem Westberliner Schlamp-Faktor.“

In einer an die Medien versandten Mitteilung kritisierte die Bundesbank, Sarrazins Interview stehe in keinerlei Zusammenhang mit seinen Aufgaben bei der Bundesbank. Die Distanzierung der Bundesbank fällt entschieden schärfer aus als im Mai, als kurz nach dem Amtsantritt des 64-Jährigen in Frankfurt ein Interview mit provokanten Thesen erschienen war. Damals hatte die Bundesbank mitgeteilt, Sarrazin gebe nicht die Meinung des Instituts wieder. Sarrazin bekam zum Amtsantritt die ungeliebten Bereiche Bargeld und Risiko-Controlling zugewiesen.

Nach einer derartigen öffentlichen Rüge dürfte es dem Ex-Senator ausgesprochen schwer werden, weiterhin produktiv mit seinen Vorstandskollegen zusammenzuarbeiten.

Auch Oberbürgermeister Klaus Wowereit bekam sein Fett weg. Wenn dieser „eine Mischung aus Kurt Biedenkopf, Willy Brandt und Freiherr von und zu Guttenberg“ wäre, könnte er mehr für Berlin bewirken, eine Stadt, die nach Sarrazins Einschätzung „nicht elitär aufgestellt, sondern in seiner Gesinnung eher plebejisch und kleinbürgerlich“ ist.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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