Wachsende Bedeutung
Mehr Eltern schicken Kinder auf private Schulen

Die Bedeutung der Privatschulen in Deutschland wächst kontinuierlich: Im Schuljahr 2006/07 gab es 100 private allgemein bildende Schulen mehr als im Jahr zuvor. Doch noch immer können die Privatschulen die Nachfrage nicht decken, die Wartelisten sind lang. Dabei könnte das Angebot, ähnlich wie in anderen europäischen Ländern, viel höher sein.

BERLIN. Im Schuljahr 2006/07 gab es 2 867 private allgemein bildende Schulen – genau 100 mehr als im Jahr zuvor. Der Anteil der Schüler, die die meist kostenpflichtigen Privatschulen besuchen, liegt inzwischen bei sieben Prozent, teilte das Statistische Bundesamt mit.

Der stetige Zuwachs kompensiert einerseits Lücken im staatlichen Angebot, ist aber auch eine Reaktion auf „subjektiv empfundene Strukturmängel“ öffentlicher Schulen, meinen Bildungsforscher wie Jürgen Baumert. Zuletzt sind vor allem private Grundschulen neu entstanden, ihre Zahl legte um 57 zu.

„Immer mehr Eltern schätzen offenbar die Vorteile von Schulen in freier Trägerschaft“, sagte der Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Privatschulen (VDP), Christian Lucas. Angesichts der aktuellen Zahlen sei zu erwarten, dass sich der positive Trend auch in Zukunft fortsetze.

Im Vergleich liege Deutschland jedoch noch auf niedrigem Niveau. So besuche europaweit im Schnitt jeder fünfte Schüler eine private Bildungseinrichtung. „Zwar würden auch bei uns mehr als ein Fünftel aller Eltern ihr Kind gerne auf eine Privatschule schicken. Aufgrund langwieriger bürokratischer Prozesse und finanzieller Hürden ist jedoch das Gründen einer Privatschule hierzulande häufig mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, so dass das Angebot der Nachfrage hinterherhinkt“, sagte Lucas. Der oft zitierte Boom der Privatschulen spiele sich derzeit vor allem auf den Wartelisten ab.

Die mit Abstand größte Rolle spielen private Schulen weiterhin in Bayern: Im Freistaat geht mehr als jeder zehnte Schüler auf eine private allgemein bildenden Schule. Am geringsten ist die Quote in Schleswig-Holstein mit nicht einmal vier Prozent. Ursache für die große Spanne sei vor allem das unterschiedliche Schulrecht, meinen die Statistiker.

So fällt die Bezuschussung recht unterschiedlich aus und reicht etwa von gut 1 800 Euro pro Schüler in Baden-Württemberg bis hin zu gut 4 000 Euro in Nordrhein-Westfalen. NRW ist damit das einzige Land, das Privatschulen mehr zuschießt als öffentlichen.

Die neuen Länder haben kräftig aufgeholt und unterrichten mittlerweile gut fünf Prozent der Schüler in Privatschulen – in den alten Ländern sind es gut sieben Prozent. Auffällig sind aber die Strukturunterschiede: Während im Westen Privatschüler vor allem an Gymnasien zu finden sind, spielen im Osten private Grundschulen bereits eine größere Rolle. Bundesweit zieht es deutlich mehr Mädchen in Privatschulen, Ausländer sind stark unterrepräsentiert.

Ob private Schulen ihren Schülern mehr beibringen, ist umstritten. Bei Pisa 2003 erreichten deutsche Privatschüler im Schnitt bessere Ergebnisse als Altersgenossen an staatlichen Schulen. Ob das an einer womöglich besseren sozialen Auslese der Privatschüler liegt, ist unklar. In der Schweiz schnitten Privatschüler bei Pisa schlechter ab. Statistisch nachweisbar sind jedoch teilweise bessere Bedingungen: private Grund- und Förderschulen sowie Gymnasien haben im Schnitt einen Schüler weniger pro Klasse, bei den Realschulen schneiden die öffentlichen besser ab. Größer sind die Differenzen bei den Unterrichtsstunden: Privatschüler in Grund- und Realschulen haben im Schnitt eine Stunde mehr Unterricht pro Woche, die Gymnasiasten drei und die Förderschüler sogar fünf Stunden mehr.

Dennoch „ist die Erfolgsquote an privaten und staatlichen Gymnasien dennoch nahezu gleich“, melden die Statistiker. Der Anteil der Gymnasiasten, die es bis zur Hochschulreife schaffen, liegt jeweils bei 85 Prozent. In einigen Ländern wie Baden-Württemberg, Brandenburg, Schleswig-Holstein und Thüringen war die Erfolgsquote auf den staatlichen Gymnasien höher. Auch bei den privaten Berufsschulen zeigt der Trend nach oben: Sie haben inzwischen einen Anteil von 8,5 Prozent an den Schülern. Das liegt fast ausschließlich am enormen Zuwachs in den neuen Ländern, wo es bereits 15 Prozent sind.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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