Wagenknechts Buch
Sozialismus, aber bitte liberal!

Linkenpolitikerin Sarah Wagenknecht entwirft in ihrem Buch einen "kreativen Sozialismus" - und beruft sich dafür auf liberale Grundfeste. Sie lobt Wettbewerb, Gewinne und den "echten" Unternehmer.
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DüsseldorfDer Staat soll die Banken weitgehend verstaatlichen und dafür sorgen, dass sie günstige Kredite an Gründer und kleine Unternehmer vergeben. Wenn die Unternehmen dann wachsen, werden sie Schritt für Schritt ins Eigentum der Beschäftigten überführt, aber mit einer Sperrminorität für die öffentliche Hand. Insgesamt werden hohe Einkommen und große Vermögen stark besteuert, um den Reichtum möglichst gleichmäßig zu verteilen und so auch eine breite Nachfrage für die Wirtschaft zu sichern. Die Staatsschulden sind zu streichen, nur Kleinanleger werden dabei geschont.

So etwa stellt die Linkspolitikerin Sahra Wagenknecht sich den „kreativen Sozialismus“ der Zukunft vor. Nachdem sie früher vor allem erklärt hat, was sie nicht gut findet, packt sie in ihrem neuen Buch aus und skizziert deutlicher ihre Vorstellungen, wie es besser werden soll.

Der Fehler der real existierenden DDR war ihrer Meinung nach, dass sie die Wirtschaft zentral planen wollte. Wagenknecht betont dagegen, dass sie Wettbewerb und Gewinne wichtig findet und lobt den „echten“ Unternehmer im Sinne des Ökonomen Joseph Schumpeter.

Als Zeugen dafür, dass der Staat zu große wirtschaftliche Macht eindämmen sollte, zieht sie die Ordoliberalen der Nachkriegszeit heran, vor allem Walter Eucken. Ihren „kreativen Sozialismus“ sieht sie als Fortsetzung dessen an, was die Liberalen damals gewollt haben. Daher lautet der clevere Titel ihres neuen Buchs „Freiheit statt Kapitalismus“. Großzügig reklamiert sie dann gleich noch Ludwig Erhard als geistigen Vorfahren und fordert „Wohlstand für alle“. Was Karl Marx wohl von diesem kleinbürgerlichen Sozialismus gehalten hätte?

Insgesamt kommt das Buch mit einem recht hohen theoretischen Anspruch daher, der auch über weite Strecken eingelöst wird. Die praktischen Vorschläge – mehr Umverteilung, Vergesellschaftung – wirken dagegen eher wie sozialistische Ladenhüter. In weiten Teilen wiederholt Wagenknecht zudem Analysen des heutigen Kapitalismus und der Finanzkrise, die sie schon in früheren Büchern geliefert hat. Dabei zeigt sie, trotz eines sicherlich einseitigen Blickwinkels, ein tieferes Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge als viele Politiker aus Parteien, denen man gemeinhin Wirtschaftsnähe und -kompetenz zuspricht. Ihr süffiger, beißender Schreibstil ist amüsant, auf Dauer aber auch ermüdend.

Auffallend ist, dass Wagenknecht sehr sorgfältig andere Autoren zitiert. Das lässt vermuten, dass ihre Doktorarbeit in VWL, die sie laut Klappentext ihres Buchs gerade schreibt, eine solidere wissenschaftliche Qualität erreicht als die einiger „bürgerlicher“ Politiker.

Wie seine Vorgänger zeigt auch dieses Buch ein großes Foto der Autorin auf dem Cover. Aber etwas hat sich geändert: Der Terminatorblick ist verschwunden – sie lächelt.

Das Buch "Freiheit statt Kapitalsimus" (Frankfurt 2011, 368 Seiten) ist im Eichborn-Verlag erschienen und kostet 19,95 Euro.


Kommentare zu " Wagenknechts Buch: Sozialismus, aber bitte liberal!"

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  • http://www.gegenstandpunkt.com/gs/12/1/gs20121147.html

    Wider Frau Wagenknechts kleinkapitalistisches Wolkenkuckuksheim

  • Wagenknecht beeindruckt durch Zurückhaltung.

    Wenn sie aber ihre Thesen unter den Titel "Freiheit statt Kapitalismus" stellt,ist das sofort widerlegt.
    Freiheit ist Kapitalismus, wie Kapitalismus Freiheit ist. Man muß nur rigoros genug dieses Ziel zu verfolgen und Glück haben. Ein entweder-oder gibt es nicht!

    Wie frei sind 1000 Henneckes, das ist der Held der Arbeit der DDR, gegen einen Mann mit Bagger?

    Also wenn schon, dann geht es um den Mißbrauch von Freiheit und Kapital. Hier liegt die Verantwortung beim Gesetzgeber.

  • @kriminelle M...

    mit der FDP haben sie Recht: die FDPler die ich näher kenne leben entweder nur über eigene Klientelpolitik oder sind Juristen und leben von der Bürokratie mit, weshalb von dort kein echter Abbau der Bürokratie zu erwarten ist. Privatisierungen sind oft bürokratischer und verlagern die Bürokratie nur ins Private, Lindner = Politikwissenschaftler = faktisch Arbeitsloser.

    die Realwirtschaft profitiert nicht vom aufgeblasenen Finanzmarktkapitalismus. Im Gegenteil hat sie ständig nur Refinanzierungsprobleme dadurch, zu hohe Zinsen, Geldmangel, Krisen und Nachfrageausfall etc.
    Die Binnenwirtschaft würde eher von den Linken profitieren. Bei Konjunkturpaketen auch das Baugewerbe etc.

    es gibt keinen Grund für ein KMU für den aufgeblasenen Kasinokapitalismus zu sein.


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