Wahl in Baden-Württemberg
Fotofinish im Ländle

Noch nie fürchtete die CDU im Ländle um ihre Macht, noch nie waren die Grünen davor, sie zu übernehmen, noch nie war eine Wahl für Merkel gefährlicher. Wie konnte es so weit kommen? Unterwegs mit den Spitzenkandidaten.
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Am Montagmorgen biegt Nils Schmid beim Rennen um Baden-Württemberg auf die Zielgerade ein. Schmid hat auf dem Beifahrersitz einer Limousine Platz genommen, die den Spitzenkandidaten der SPD für die Landtagswahl in Baden-Württemberg seit Wochen von Termin zu Termin transportiert, 70 Wahlkreise, Podiumsdiskussionen, Fernsehinterviews, Redaktionsbesuche und Firmenbesichtigungen, Tausende und Abertausende Hände zum Schütteln.

Irgendwann auf der Fahrt, Schmid erklärt gerade wieder einmal, warum er es verdient hat, Ministerpräsident zu werden, läutet sein Handy. „Hallo Erhard“, sagt Schmid. „Die Energiewende? ... Von uns initiiert? ... Ein Interview organisieren? ... Mit Dir? ... Klingt gut. Ich melde mich.“

Erhard, das ist Erhard Eppler, der gefühlt älteste Sozialdemokrat der Republik und das, was man in der SPD früher mal einen Vordenker nannte, als die Parteien so etwas noch hatten.

Eppler war SPD-Landesvorsitzender, er wollte einst in Baden-Württemberg gegen die CDU Ministerpräsident werden. Der Versuch war vollkommen aussichtslos. Doch nun, nach 56 Jahren CDU-Herrschaft, wittert Eppler Morgenluft für seine Partei. Regelmäßig ruft er Schmid an, um ihm Tipps zu geben. Die Grünen und die Union sind nämlich auch unterwegs, auch sie erklären laufend, warum ihre Partei auf die aktuellen Fragen eigentlich schon immer die richtigen Antworten hatte.

Es ist ein bisschen wie beim Rennen zwischen Hase und Igel. Einen Zwischenstand in diesem Rennen, gemessen von Infratest, hatte Schmid am Freitag zuvor erhalten: Grüne: 24 Prozent, SPD: 22 Prozent, CDU: 39 Prozent, FDP: 5,5 Prozent. Das hieß: Rot-Grün 46 Prozent, Schwarz-Gelb 44,5 Prozent, Ministerpräsident: Winfried Kretschmann von den Grünen. So schlecht war die SPD fast noch nie in Baden-Württemberg.

Doch Schmid ist zufrieden und sagt, bar jeder Ironie: „Ich werde der nächste Ministerpräsident sein.“ Heute, ein paar Tage später, liegen Schwarz-Gelb und Rot-Grün liegen in den Prognosen noch immer nah beieinander, mit einem Vorsprung für Rot-Grün. Dazu kommt ein Machtkampf zwischen SPD und Grünen. Wer mehr Stimmen bekommt, würde in einer rot-grünen Koalition wohl den Regierungschef stellen. Ein Zielfoto könnte nötig sein um zu klären, ob Amtsinhaber Mappus von der Union, Schmid von der SPD oder Kretschmann von den Grünen als erster das Ministerpräsidenten-Band im Zieleinlauf berührt haben.

Dieses Zielfoto wird Konsequenzen haben, die weit über Baden-Württemberg hinausweisen. Sollte Mappus hinten liegen, verlöre auch Bundeskanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel ein Bundesland, das ihrer Partei seit jeher gehört wie Bayern der CSU.

Sollte Mappus stürzen, könnte das der Anfang vom Ende ihrer Regentschaft sein.  

Das könnte auch daran liegen, dass die Union viele ihrer früheren Wähler nicht mehr erreicht – und dass die Grünen davon profitieren. Ein Spitzenmann der Union im Land, der so kurz vor der Wahl nicht mit Namen zitiert werden möchte, sagt, die Union spreche durch die Globalisierung entstandene Frauenbilder, Ausdrucksweisen und Denkweisen nicht mehr ausreichend an: „Der Resonanzboden, den die Grünen den Menschen heute geben, ist flexibler. So verliert die Union Wähler an die Grünen, wie auch die SPD, die viele Kreative verlassen.“

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