"Wahlarena" von WDR und NDR
Nur eine Fliege brachte Schröder aus dem Konzept

Es war eine kleine Generalprobe für das "große" TV-Duell zwischen dem Bundeskanzler und seiner Herausforderin im September.

HB MÖNCHENGLADBACH. Im rheinischen Mönchengladbach hatten 160 repräsentativ ausgewählte Wähler am Mittwoch die Chance, Amtsinhaber Gerhard Schröder (SPD) dreieinhalb Wochen vor der Bundestagswahl in der TV- Sendung "Wahlarena" zu allem zu befragen, was sie auf dem Herzen hatten. Vor allem Arbeitslose schonten den Kanzler in der 90- minütigen Gemeinschaftssendung von WDR und NDR nicht.

"Wie sollen wir unseren Kindern Ideale weitervermitteln, wenn ich jetzt in den Arsch getreten werde", wollte ein 43-jähriger Metallarbeiter und Vater von sechs Kindern wissen, der gerade seinen Job verloren hat. Überall erhalte er die Auskunft: "Für dich haben wir keinen Job."

Eine Hartz-IV-Empfängerin, die nach 37 Jahren arbeitslos geworden ist, beklagte sich, dass sie all ihre Verhältnisse und Ersparnisse offen legen musste und trotz eines Pflegekindes kaum mehr erhalte als diejenigen, die nie in die Sozialkassen eingezahlt hätten. "Und dann sprechen Sie von sozialer Gerechtigkeit", schimpfte die 55-Jährige.

Doch Schröder wich kein Jota von seiner Arbeitsmarktreform ab. "Ich kann Ihnen nicht mehr versprechen. Ich halte das für sozial gerecht, was wir gemacht haben."

Mehr Glück hatte die 54-jährige Margarethe Dörge, die ebenfalls gerade Hartz-IV-Empfängerin geworden ist und nun ihr 65 Quadratmeter großes Heim gegen eine billigere 45- Quadratmeter-Wohnung eintauschen soll. "Ich habe meine Arbeit verloren; ich will nicht noch meine Wohnung verlieren." Ihr versprach der Kanzler Hilfe und erntete dafür ein strahlendes Lächeln.

Die Möglichkeiten, befristet einzustellen, seien nicht ausreichend, pflichtete Schröder der Betriebsratschefin eines Velberter Automobilzulieferers bei. "Das werden wir ändern." Auch die Lohnnebenkosten würden weiter gesenkt. Dennoch könne der Staat kein Unternehmen verpflichten, eine bestimmte Anzahl an Arbeitsplätzen zu schaffen. Mit einer solchen Scheinlösung könne er nicht dienen.

Allerdings hätten die Unternehmer die moralische Verpflichtung, mehr Jobs zu schaffen. "Das muss auch das Management in Deutschland wieder lernen."

Fragen nach seiner Authentizität im politischen Geschäft brachten Schröder nicht aus dem Konzept. "Mal ist man Kanzler der Gewerkschaften, dann wieder Genosse der Bosse. Ich habe versucht, in meinem Amt ich selber zu sein." Lediglich an zwei Stellen ist er leicht irritiert. Wie es mit dem Adoptionsrecht für Homosexuelle weitergehe, wollte ein junger Mann wissen. "Ich bin ein bisschen überrascht über die Frage, wie Sie merken", kam die zögerliche Antwort des Kanzlers. "Äh, ich habe persönlich Schwierigkeiten, da weiter zu gehen", gab er dann zu.

Am meisten brachte den Regierungschef aber eine kleine Fliege aus der Fassung, die im Licht der Kamera-Scheinwerfer immer wieder frech vor seinem Gesicht herumtanzte. "Diese Fliege hat es auf mich abgesehen. Weiß nicht warum - wahrscheinlich dieses Schwarz", rätselte er über den Hintergrund der Attacken. "Die ist wirklich von der Opposition. Ich bitte, dass diese Fliege - rot lackiert - auch bei Frau Merkel zum Einsatz kommt." Die Kanzlerkandidatin der Union wird sich am 8. September in Göttingen den Fragen der Zuschauer stellen.

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