Wahlforscher: „Die Union muss ganz klar im Westen Wähler gewinnen“ – Unmut über Transferleistungen an die neuen Bundesländer
Ost-Schelte wird Union nicht unbedingt schaden

Aus Sicht der Wahlforschung könnte es sich für die Union durchaus lohnen, möglichst heftig auf den Osten einzuprügeln. Äußerungen wie die von CSU-Chef Edmund Stoiber "zielen ganz klar auf den Unmut der Wessis über die Ossis", sagte Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, dem Handelsblatt.

HB BERLIN. "Die Union muss ganz klar im Westen Wähler gewinnen. Selbst wenn dadurch im Osten nochmal ein Prozentpunkt verloren geht - wenn das in Bayern 500 000 Stimmen bringt, ist das unterm Strich viel mehr."

Stoiber hatte in einer Wahlkampfrede den "Frustrierten" das Recht abgesprochen, Deutschlands Zukunft zu bestimmen. Er warnte davor, dass die Wahl im Osten entschieden werden könnte. 2002 hatte Stoiber als Kanzlerkandidat im Osten viele Wähler an SPD-Kanzler Gerhard Schröder verloren, was ihn den Sieg gekostet haben dürfte. Dafür hatte Stoiber aber in Bayern rund eine Million zusätzliche Unionsstimmen mobilisieren können. Dies zu wiederholen sei für Kanzlerkandidatin Angela Merkel viel wichtiger als jede Rücksicht auf den Osten. Da biete sich ein bisschen Ost-Bashing als Wahlstrategie geradezu an, sagte Güllner: "Der Unmut auf den Osten ist im Westen ganz massiv." In Umfragen werde mittlerweile "jedes Schlagloch auf den Straßen" den Transferleistungen an den Osten in die Schuhe geschoben.

Im Osten könnten so zwar Wähler von der Fahne gehen - aber nicht so viele, dass die Wahlforscher darin ernsthafte Probleme für die Union erkennen können. In Ostdeutschland gebe es für die Union ohnehin nicht mehr viel zu verlieren, sagte Matthias Jung, Vorstand der Forschungsgruppe Wahlen, dem Handelsblatt. "Mit 30 Prozent liegt die Union im Osten zurzeit ohnehin am unteren Rand ihrer Möglichkeiten. Da wird wegen Stoibers Äußerungen nicht noch zusätzlich viel wegbrechen."

Nach Meinung des Parteienforschers Jürgen Falter von der Universität Mainz könnte sogar ein "Kalkül dahinter stecken: Stoiber hat den Osten bereits aufgegeben, will aber durch Polarisierung im Westen mobilisieren. Da im Westen viel mehr Wähler sitzen, könnte das sogar aufgehen." Sein Kollege Karl-Rudolf Korte von der Universität Dortmund hält die Aufregung ohnehin für völlig übertrieben: "Die Wahrnehmung von Stoiber war im Osten 2002 genauso. Dass sich die Bayern für die besten halten, weiß jeder."

"Die jetzt im Osten noch CDU wählen, sind sowieso die Treuesten der Treuen", sagte Güllner. "Die werden wegen Stoiber nicht abwandern." Nach Meinung Jungs könnte es allenfalls passieren, dass die Ostwähler jetzt endgültig nicht mehr bereit sind, Kanzlerkandidatin Angela Merkel "einen Ostbonus zu geben". Aber diese Bereitschaft sei bisher ohnehin kaum messbar, und ob sich daran noch etwas ändert, stehe in den Sternen.

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