Wahlkampf
Aufmarsch der Alphatiere

Es ist bloß eine Oberbürgermeisterwahl in Kiel, trotzdem schicken SPD und die CDU ihr Spitzenpersonal. Es ist der erste Testlauf für die Bundestagswahl im Herbst.

KIEL. Aus den Lautsprechern röhrt Rockmusik von ACDC, Peer Steinbrück marschiert hinter einem Mann mit Glatze in eine Kieler Halle ein. Den Mann vor Steinbrück kennt außerhalb der SPD kaum einer, 300 Genossen aber stehen Spalier, klatschen, feiern.

Der Mann mit Glatze ist Steinbrücks Pressesprecher. An diesem Donnerstag aber, Mitte Februar, ist er ein Politiker, der seinen Wahlkampf beginnt. Er will Oberbürgermeister von Kiel werden. Auf der Bühne angekommen, greift sich Steinbrück das Mikrofon. Er sagt, 2003 habe er Torsten Albig abgeworben. Albig war mal Kämmerer in Kiel. "Ich bin hier, um dafür zu werben, ihn endlich loszuwerden, damit er Oberbürgermeister werden kann", sagt Steinbrück und lacht.

Zehn Tage später applaudieren die Delegierten der CDU auf ihrem Landesparteitag einem äußerst prominenten Gast: Angela Merkel, die Kanzlerin ist da. "Angelika Volquartz soll Oberbürgermeisterin in Kiel bleiben", ruft sie den Delegierten zu.

Am Sonntag stimmen rund 190 000 wahlberechtigte Kieler darüber ab, wer sich in den kommenden Jahren Oberbürgermeister nennen darf. Und weil die Parteistrategen in Berlin diese Wahl inzwischen insgeheim als ersten Testlauf für die Bundestagswahl im September betrachten, kommt das Spitzenpersonal.

Die Situation in Kiel ähnelt der im Land derart, dass sich die obersten Wahlkämpfer wichtige Erkenntnisse erhoffen, mit denen sie in der unsicheren Krisenzeit die Menschen für sich gewinnen können. Parallelen zu Berlin gibt es zuhauf.

Frau gegen Mann, Amtsinhaberin gegen Herausforderer, das ist das Duell, hier wie da. Frau Volquartz regiert ähnlich pragmatisch wie Merkel in Berlin. Albig gilt als Freund der Agenda-Politik Gerhard Schröders, wie Frank-Walter Steinmeier, der SPD-Kanzlerkandidat. Sie ist bekannt. Ihn kennen weniger Menschen. Beide haben unter der Amtsinhaberin gearbeitet - Albig als Kämmerer in Kiel. Außerdem will die SPD die Macht zurückerobern. In der Nebenrolle tritt zudem der redegewandte Raju Sharma von der Linkspartei auf, der früher mal der SPD angehörte und ihr nun wichtige Stimmen nehmen wird. Oskar Lafontaine lässt grüßen.

Auch die Kulisse stimmt. Die HSH Nordbank trudelt und zeigt den Menschen, wie hautnah die Finanzkrise sein kann. Der Werft HDW brechen die Aufträge derart weg, dass schon davon die Rede ist, der Standort werde geschlossen.

Volquartz sitzt in ihrem Bürgermeisterzimmer und bereitet eine Ratssitzung vor. Die 62-Jährige trägt ein Kostüm mit Brosche, die Fingernägel sind rot lackiert. Auf dem Balkon, der so groß wie ein Wohnzimmer ist, winkt sie Tausenden Zuschauern zu, wenn sie die Kieler Woche eröffnet oder der THW Kiel mal wieder Handballmeister ist.

Vor allem aber pflegt Volquartz die Nähe zu mächtigen Freunden, zur Kanzlerin etwa. Gibt es ein Problem in Kiel? Braucht sie werbewirksame Unterstützung wie jetzt im Wahlkampf? Volquartz, die auch im Bundesvorstand der Partei sitzt, schickt eine SMS an Merkel, die dann gerne hilft, ob auf der Kieler Woche oder auf einem Landesparteitag. Mit Ursula von der Leyen, der Familienministerin, klappt das ganz ähnlich. Die besuchte noch am Dienstag einen Kindergarten und einen familienfreundlichen Betrieb in der Stadt. Natürlich mit Volquartz. Von der Leyen ist die wichtigste Waffe der Union. Sie steht für das, was moderne Frauen in Städten sich wünschen - sie gewinnt jene Wählerinnen zurück, die die Union 2005 verloren hat.

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