Wahlkampf
Günter Grass liebäugelt mit SPD-Eintritt

Günter Grass schraubt sein Tintenfass mal wieder zu, verlässt das Stehpult und ergreift Partei. Mit 81 Jahren steigt der „Blechtrommler“ wieder in die Wahlkampfarena und trommelt für die SPD, die er in den 90er Jahren eigentlich verlassen hatte. Inzwischen kann er sich auch vorstellen, wieder in die Partei einzutreten – unter bestimmten Bedingungen.

HB BERLIN. Aber seit 1965 und seinen Einsätzen für Willy Brandt mischt sich der damalige „Bürgerschreck“ und heutige Literaturnobelpreisträger bis heute in die Wahlkämpfe der Republik ein und ist den Sozialdemokraten bei aller Kritik immer treugeblieben. Aus diesen Wahlkämpfeinsätzen („180 Veranstaltungen waren das manchmal“) hat er sogar mit seinem „Tagebuch einer Schnecke“ 1972 Literatur gemacht.

Jetzt könnte er sich sogar vorstellen, wieder in die Partei einzutreten, wie er am Montagabend in Berlin der Agentur dpa sagte. „Ich bin Ende 1992 aus Protest gegen die falsche Asylpolitik der SPD aus der SPD ausgetreten. Wenn das wieder in Ordnung gebracht wird, und darauf warte ich immer noch, trete ich wieder ein.“

Grass sagte das am passenden Ort, der Parteizentrale im Willy- Brandt-Haus in Berlin-Kreuzberg, in Anwesenheit von Parteichef Franz Müntefering und des SPD-Kanzlerkandidaten und Außenministers Frank- Walter Steinmeier bei der Eröffnung der Ausstellung „Ein Bürger für Brandt. Der politische Grass“. Dort ist auch sein Credo als Schriftsteller und „Citoyen“, wie sich der „politische Bürger“ auch gerne nennt, dokumentiert: „Denn der Ort des Schriftstellers ist inmitten der Gesellschaft und nicht über oder abseits der Gesellschaft. Tretet vor die Tür. Stoßt Euch Knie und Stirn wund an unserer Realität.“

Das sah ein Mann wie Ludwig Erhard von der CDU in den 60er Jahren noch etwas anders, der über Grass und andere politisch auftretende Autoren wie Rolf Hochhuth das Verdikt aussprach: „Da hört der Dichter auf, da fängt der ganz kleine Pinscher an“, der doch eigentlich von den wirklich wichtigen Dingen in der Politik keine Ahnung habe.

Mehr als 40 Jahre später sieht die Welt anders aus. Für Steinmeier ist daher die Globalisierung mit ihrer Finanz- und Wirtschaftskrise auch „eine kulturelle Aufgabe“, denn „den Kapitalismus vor dem Kollaps zu bewahren heißt ihn zivilisieren, also in die gesellschaftliche Verantwortung zwingen“, wie der Kanzlerkandidat den Literaturnobelpreisträger zitiert. Der hatte übrigens schon Jahre vor der jetzigen Finanzkrise immer wieder lauthals vor den „Skinheads mit Schlips und Kragen“ gewarnt. Vielleicht auch, wie Steinmeier meint, „weil Künstler und Intellektuelle anders und oft genug schlauer darüber nachdenken, was eine Gesellschaft zusammen hält oder was sie auseinander treibt“.

Und überhaupt sollte man die Politik „nicht allein den Politikern überlassen, auch nicht allein der SPD“, wie Grass in der Parteizentrale freimütig aneckt. Um dann seinen fast flehentlichen Appell hinterher zu schicken, der ausgerechnet im Willy-Brandt-Haus manchen vielleicht etwas merkwürdig in den Ohren klingt: „Lasst die SPD nicht im Stich. Wir sind auf diese Partei angewiesen, wenn sich was ändern soll. Und wir sind doch gut aufgestellt.“ Das „Wir“ kommt dem Literaturnobelpreisträger leicht über die Lippen. Das Mitgliedsbuch aber wartet noch auf ihn.

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