Wahlkampf in Berlin
Unter Kuschelkriegern

Die Hauptstadt wählt am 17. September den neuen Regierenden Bürgermeister - sofern die Berliner noch einen Grund finden, zu den Urnen zu gehen. Die beiden Kandidaten, Amtsinhaber Klaus Wowereit und CDU-Spitzenkandidat Friedbert Pflüger, scheinen keinen Anlass dafür zu geben. Eine Handelsblatt-Reportage.

BERLIN. "Wer Wowi will, muss aber SPD wählen", klärt der Regierende die vorbeihastenden Gelegenheitsstreuner auf. "Sonst wird det nüscht!" Selbstverliebt kuschelt sich der Amtsinhaber auf Terminen stets in dieser Koseform, wenn er sich selbst herzt. Vor ein paar Tagen hat er im kleinbürgerlichen Friedenau gar vom "Berliner Wowi-Bären" geschwärmt, "weil der schön kuschelig ist". Jedem auf dem "Sommerfest der SPD" war einsichtig, dass Wowi sich schon so vermählt mit dem Amt fühlt, dass er sich für das Berliner Maskottchen hält.

So anschmiegsam er sich jedoch gibt, das "aber" in Wowis Aufruf zeugt von gewetzter Härte. Das "aber" ist die glatte Art, auf Distanz zu dem wenig weltläufigen Personal der Hauptstadt-SPD zu gehen. Zu jenen ewigen Mauerkindern, die ihre Stadt seit Ernst Reuters Zeiten als das schützenswerteste Biotop der westlichen Zivilisation abschotten.

Doch auch Klaus Wowereit macht auf gute Laune. Längst ist er der Dr. Feelgood der Hauptstadt. "Arm, aber sexy", schmalzt der Ausgebuffte und nimmt die tiefe wirtschaftliche Misere der Stadt einfach auf die leichte Schulter, räumt das lokale Kindl-Pils samt Bulette beiseite und greift zu langstieligen Gläsern und Haute Cuisine. Im hervorragend tayloriertem Edeltuch verkörpert der smarte Post-50er die Obergrenze der gerade voll in Blüte stehenden Strellson-Generation. So adelt Wowi den herben Charme der neuarmen Kellerkinder und findet dort das Wort vom "Mentalitätswechsel". Dafür erhält er Zuspruch.

Denn Berlin liegt im Wahlkampf. Außer Politiker und ein paar Journalisten aber interessiert das nur wenige. Kein Thema polarisiert die Parteien, ärgert die Bürger. Das Bürgerinteresse scheint unter den radikalen Sparzwang der Hauptstadt zu fallen. Es ist wie immer. Bleibt der Wahlkampf am Eindösmeridian liegen, werden am 17. September wenige wählen. Hat die Stadtregierung längst die Bürger, die sie verdient? Oder ist das Leben in einer Metropole mit 60 Milliarden Euro Schulden und 17,4 Prozent Arbeitslosigkeit nur einfach cool - und sonst gar nichts?

Zur Berliner Mentalität gehört, dass über 60 Milliarden Schulden niemanden mehr nerven. Auch nicht der Zukunftsschwund seit 2000, der Abgang von 24 000 jungen Menschen. Die Stadt vergreist trotz allen Zuzugs. Schon gar nicht wird an die große Glocke gehängt, dass die sechs Milliarden Euro, die Touristen in die 300 000-Arbeitslosen-Metropole pumpen, in toto für den krakenartigen öffentlichen Dienst verbraten werden. Der ist Berlins Kohlegrube, in die Euro reingekippt werden, kritisieren Wirtschafts- wie Finanzforscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bis hin zur Industrie- und Handelskammer - ohne Erfolg.

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