Wahlkampf in Dresden – die Parteien nutzen ihn als Bühne für ihr Koalitionspoker
„Deutschland schaut auf uns“

Katja Kipping kommt mit dem Rad. Morgens kurz nach zehn stößt die Spitzenkandidatin der Linkspartei/PDS zu den wahlkämpfenden Genossen am Altmarkt im Zentrum Dresdens. Die Wahlhelfer verteilen Broschüren an die Passanten. "Am 2. Oktober - ihre Stimme für die Linke!" rufen sie. Kipping hat nur wenig Zeit.

HB DRESDEN. Sie muss noch in den Sächsischen Landtag, wo über Maßnahmen gegen die hohen Gaspreise diskutiert wird. Hier auf der Straße geht es um andere Themen: Hartz IV müsse weg und die Bundeswehr raus aus Afghanistan. Nebenbei verteilt Kipping Kondome an die Jungen und Kugelschreiber an die Alten.

Willkommen im Wahlkampf, willkommen in Dresden. Gut eine Woche vor der Nachwahl bringen die Parteien im Dresdner Südwesten ihre Straßenkämpfer in Stellung. Kein Verkehrsknotenpunkt, kein Einkaufszentrum, wo die Wahlhelfer nicht ihre Stände aufbauen. Ein besonders beliebter Ort: die Altmarkt-Galerie. Seit Tagen wechseln sich hier die Parteien mit ihren Ständen ab. Besonders eifrig dabei: die PDS, Pardon, Linkspartei mit Katja Kipping an der Spitze.

Die sächsische CDU hält mit aller Macht dagegen. Mit bis zu zehn Informationsständen pro Tag will sie das Direktmandat im Wahlkreis Dresden I verteidigen. Dafür mobilisiert die Partei ihre gesamte Anhängerschaft im Freistaat. Aus allen Kreisverbänden sollen die Mitglieder nach Dresden kommen, um auf der Straße für den CDU-Kandidaten Andreas Lämmel zu werben. Es gehe darum, ein Zeichen der Stärke zu setzen - für die CDU und für Angela Merkel, sagte Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt. "Ganz Deutschland schaut auf Dresden."

Vergessen sind die Versprechen der Parteien nach der Bundestagswahl, keine Werbeschlacht um den Wahlkreis 160 führen zu wollen. Schließlich ist das große Rennen gelaufen. Doch sie entwerfen, kleben, überkleben und montieren noch immer. Die SPD stellt 500 neue Plakate auf, die CDU rund 1 000 und die PDS sogar mehr als 2 000. An den Straßen in der Innenstadt gibt es kaum noch einen freien Laternenmast.

Die Dresdner können mit dem Rummel um sie nicht viel anfangen. "Ich weiß, wen ich wähle", sagt Gertrude Krischker stellvertretend für viele. "Ändern können wir doch sowieso nichts mehr." Hinge die Kanzlerwahl noch von ihr ab, dann könnte sie das ganze Theater ja noch verstehen, meint sie. Viele aus dem Wahlkreis 160 befürchteten, die Nachwahl in Dresden könne als Bühne für die Auseinandersetzung über die zukünftige Koalition in Berlin missbraucht werden.

Ihre Sorge ist berechtigt. In der Woche vor der Wahl geben sich die Spitzenpolitiker aller Parteien in Dresden noch einmal ein Stelldichein. Den Anfang macht an diesem Wochenende Angela Merkel beim Bundeskongress der CDU-Mittelstandsvereinigung. Am Mittwoch treten Oskar Lafontaine und Gregor Gysi auf. Einen Tag später besuchen Guido Westerwelle und Renate Künast die Stadt. Zum Schluss noch ein Highlight: Die SPD, in Sachsen eher Klein- als Volkspartei, lädt zum "Roten Oktoberfest". Es spricht: Gerhard Schröder. Der Kanzler hat das letzte Wort.

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