Wahlkampf
Merkel als Reiseleiterin im Adenauerland

Bundeskanzlerin Angela Merkel fährt im Rheingold-Express durchs vereinte Deutschland und tritt so dem Eindruck entgegen, sie führe einen emotionslosen Wahlkampf. Schon der erste Kanzler Konrad Adenauer war mit diesem Zug durch Deutschland gefahren.

ERFURT. "Vor 60 Jahren wurde Konrad Adenauer zum Bundeskanzler gewählt", ruft die Kanzlerin in das Gedränge hinein. "Vor einem Jahr gingen Lehman Brothers pleite", raunt ein Banker dem anderen zu. Merkels Zeigefinger sticht in den Himmel, die Stimme schwillt an. Demonstranten winken mit Miniaturwindmühlen in Grün und Plakaten, auf denen steht "Raus aus Afghanistan". Vor dem Frankfurter Hauptbahnhof hören gut tausend Menschen der Kanzlerin zu. Ach was, sie applaudieren und jubeln, oder pfeifen und johlen.

Gleichgültig lässt die kurze Stippvisite Angela Merkels an diesem grauen Septembertag jedenfalls niemand. Und Merkel spricht tatsächlich mit Leidenschaft. "So wie Konrad Adenauer sich trotz knapper Mehrheit für eine Regierung mit der FDP entschieden hat, müssen auch wir diese knappe Mehrheit in Deutschland nutzen", wirbt sie für Schwarz-Gelb. Für aggressive Plakatbotschaften ihrer Gegner hat sie sonst nur ein Schulterzucken übrig, jetzt geht sie in die Offensive. "Die CDU steht hinter den Soldaten, die für unsere Sicherheit sorgen", ruft sie. Der Applaus ist groß, das Pfeifkonzert ebenfalls.

Am Jahrestag der Lehman-Pleite erinnert Merkel mit einer Fahrt im Rheingold-Express an andere Jubiläen - an die Wahl des ersten CDU-Kanzlers, und an die deutsche Einheit, die vierzig Jahre später Helmut Kohl mitgestaltete. In zwölf Tagen wählen die Deutschen und Merkel leitet den Wahlkampfendspurt ein. Mit sechs Adenauer-Enkeln und der Tochter des "Alten" reist Merkel von Bonn nach Berlin, über Koblenz, Frankfurt und Erfurt, wo sie redet, und über Leipzig, wo sie eine Ausstellung über die Wendezeit besucht. "Es ist eine Reise, wie sie sich Adenauer erträumt hat - durch das vereinte Deutschland", sagt die Kanzlerin. Angela Merkel, die Reiseleiterin im Adenauerland.

Die Kanzlerin sitzt im Salonwagen des Rheingold-Express, jenes legendären Zuges, der von 1928 an Touristen von der niederländische Nordseeküste in die Schweiz brachte. Adenauer hatte ihn für seine Wahlkämpfe benutzt, heute kann ihn jeder mieten. Die Loreley zieht vorbei, Ausflugsschiffe schippern auf dem Rhein. Merkels Wahlkampf ist Krisenwahlkampf, doch von Krise ist bei dieser deutschen Märchenfahrt vorbei an verträumten Burgen und wohlhabenden Fachwerk-Städtchen nichts zu merken.

Merkel will die Menschen auf ernste Zeiten einstimmen, die eine Regierung mit der FDP besser meistern könne als eine erneute Zweckgemeinschaft mit der SPD - doch ein Blick auf die Plakate wie eben bei ihrem Auftritt in Koblenz zeigt der Kanzlerin, dass die Menschen sich wegen der Atomkraft, des Weltklimas, wegen aller möglicher Gründe sorgen, nur nicht wegen der Wirtschaftskrise. "Minus 5, Minus 6 Prozent Wachstum - ich sage Ihnen das nicht, um Ihnen Angst zu machen", sagt sie ihren Zuhörern. "Aber wir brauchen stabile Verhältnisse, um aus der Krise raus zukommen. Nicht wie in Thüringen und im Saarland." Auch Konrad Adenauer hatte mal so geworben - "Keine Experimente." 1957 brachte das der Union die absolute Mehrheit.

Davon ist die Union heute denkbar weit entfernt und nur wegen des nahen Wahltages wird Merkel derzeit vor Kritik geschont. Inhaltsleer sei ihr Wahlkampf, zu emotionslos, heißt es auch in ihrer Partei. Die CSU will die Kanzlerin jetzt mit einem Sofortprogramm in letzter Minute zu klaren Aussagen zwingen, ein Vorhaben, das auch viele in der CDU gut finden. Auch deshalb nutzt Merkel Adenauer an diesem Tag als Kronzeugen für die christlichen und die sozialen Wurzeln der Partei.

In Koblenz erinnert sie an "die Kraft des christlichen Glaubens", die Adenauer geprägt habe, ein Signal an die Konservativen. In Frankfurt referiert sie die sozialen Errungenschaften der Bundesrepublik, die auf den ersten Kanzler zurückgehen. "Unser Rentensystem, die Mitbestimmung wurden von Konrad Adenauer eingeführt." Da werden wir doch nicht dran rütteln, ist ihre Botschaft, vor allem an Wechselwähler, die sich vor schwarz-gelber Sozial-Kälte fürchten. Vor den Bankentürmen Frankfurts und auch in Koblenz erinnert sie an die Lehman-Pleite. "Die Banker sollen Regeln kriegen, damit sie nie wieder so etwas auf unseren Knochen anstellen können", sagt sie, ein bisschen schief.

Gemächlich geht es weiter Richtung Erfurt, wo DDR-Bürger 1970 beim deutsch-deutschen Gipfeltreffen mit "Willy-Willy"-Rufen gar nicht so leise demonstrierten. Auch die heutigen Lokomotiven und Wagen des Zuges stammen aus den 70er Jahren. Im Salonwagen gibt?s eine Bar und 24 Drehstühle. Journalisten lehnen am Klavier, Merkel hat zum Hintergrundgespräch geladen. "Wir haben die Kraft" steht auf einem CDU-Poster in Blau, "Toiletten nur während der Fahrt benutzen", an der Klotür. 200 Gäste hat Merkel dabei, ein bisschen Prominenz, ein paar Landespolitiker, Journalisten. Wenn der Wagen bremst, scheppern die Gläser. Draußen an den Gleisen sind oft Polizisten zu sehen.

Natürlich hatte sich die CDU den Tag, in dem ihre Chefin im Nostalgiezug fährt, etwas anders vorgestellt. Getragen von freundlichen Umfragen sollte Merkel sich so richtig Zeit nehmen und ihren präsidialen Wahlkampf krönen. Die Frau, der Pathos eigentlich fremd ist, wollte sich in eine Reihe stellen, mit den ganz großen ihrer Partei - Konrad Adenauer und Helmut Kohl. Doch wegen Afghanistan und einem vergeigtem TV-Duell könnte der Wahl-Endspurt jetzt doch noch eng werden - obwohl jüngste Umfragen die Union wieder bei 37 Prozent sehen.

Merkel merkt, dass sie im Endspurt anziehen muss, allein mit "Retrowahlkampf" im Zug (so der SPD-Vorwurf) wird das nicht gelingen. Statt gemächlichem Tempo im Nostalgiezug scheint Terminhopping mit dem Helikopter angesagt. Doch während ihr Generalsekretär Ronald Pofalla im Salonwagen abwechselnd an seinem Handy nestelt, auf den Teppichboden starrt oder zu Merkel-Äußerungen nickt, wirkt seine Chefin kein bisschen nervös. Dabei weiß Merkel genau, dass aus Sicht ihrer Partei am Wahlabend nur eines über ihren persönlichen Erfolg entscheidet: reicht es für eine Koalition mit der FDP? Bei nur 36 Prozent für Union, aber in einer Regierung mit Guido Westerwelle, hat Merkel gesiegt, wenn auch nicht glänzend. Bei 35 Prozent und in einer Regierung mit Steinmeier, bekommt sie bald Probleme: mit einer SPD, die nach links driftet - und einer CDU, die beginnen wird, ihre Führungsrolle in Frage zu stellen.

Schützenhilfe in schwieriger Zeit kommt, wie könnte es an diesem Tag anders sein, von einem Familienmitglied der Adenauers. Die 81-jährige Tochter des Kanzlers, Libet Werhahn-Adenauer, erinnert sich im Salonwagen an den ersten Bundeskanzler: "Mein Vater hatte eine sehr hohe Meinung von Frauen", sagt sie. Merkel weiß schon, was sie an dem "Alten" hat.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%