Wahlkampf
Merkel: „Gönnen wir der SPD eine Pause“

CDU-Chefin Angela Merkel hat in Düsseldorf die heiße Phase des Bundestagswahlkampfs eingeläutet. So deutlich wie nie zuvor wetterte die Kanzlerin gegen Rot-Rot - und inszenierte die Union als die Staatspartei in Deutschland. Endlich ein bisschen Wahlkampf!

DÜSSELDORF. Es wird wohl für immer ein gut gehütetes Geheimnis der CDU bleiben, warum sie die Auftritte ihrer Kanzlerin ausgerechnet mit dem traurig schönen Song "Angie" der Rolling Stones ausklingen lässt. Natürlich, da ist der Vorname der Parteichefin. Doch scheint sich all die Jahre keiner die Mühe gemacht zu haben, den Inhalt des Songs zu übersetzen. Von Träumen ist da die Rede, die zerplatzt sind, vom Geld, das fehlt, und von einer Beziehung, die vor dem Aus steht.

Von all dem wollte die CDU gestern naturgemäß nichts wissen. Zum Auftakt in die heiße Phase des Bundestagwahlkampfs hatte die CDU in den ISS Dome nur aus einem einzigen Grund nach Düsseldorf geladen: Drei Wochen vor dem Wahltag wollte die Partei ihre Kanzlerin feiern - und den Traum von der schwarz-gelben Regierung. In all dem Jubel, der sie umspült, kommt Merkel erst gar nicht zu Wort. Im weißen Blazer steht sie am Pult. Hinter ihr auf der Bühne sitzt Unionsprominenz vier Stuhlreihen hoch, Ministerpräsidenten, Minister, Parteipräsidium. "Wir haben gezeigt, dass wir mitten in der größten Wirtschaftskrise Schaden von unserem Land abgewendet haben", sagt Merkel. Es ist ein Satz, der zeigt, was sie als Markenzeichen ihrer Regierung sieht.

Merkel warnt vor Rot-Rot, zum ersten Mal so deutlich, zum ersten Mal in schärferen Worten. Rot-Rot - "das beschränkt sich nicht auf die Länder. Auch unseren geliebten Bundespräsidenten Horst Köhler wollten sie aus dem Amt jagen mit den Linken, ein Vorgang, den es in 60 Jahren Bundesrepublik nicht gegeben hat."

Die knapp 9 000 Menschen, die die CDU in der Halle gezählt haben will, danken es ihr. Richtig neue Akzente waren das nicht, aber dringend benötigte, deutliche Worte zur Mobilisierung der eigenen Anhänger. Die ersten Reihen rechts und links der Bühne sind mit jungen Leuten in orangen T-Shirts besetzt, die Merkel mit weißen Luftballons zujubeln wie Cheerleader. Kräne mit Kameras bringen die Bilder von der in Blau und Orange gehaltenen Bühne in die letzten Winkel der Halle. Die CDU-Regie führt Wahlkampf amerikanischer Fasson im Rheinland auf.

Energisch versucht Merkel die von der SPD geschürte Angst vor Schwarz-Gelb zu zerstreuen. Sie weiß, es droht Gefahr, wenn die FDP etwa Sozialbetrug zu harsch anprangert, während die CDU sich, was Reformen angeht, bewusst im Vagen hält. "Wir waren es, die die Mitbestimmung eingeführt haben", sagt Merkel. "Das werden wir doch nicht selbst zerstören." Von wegen Rote-Socken-Kampagne, so die Kanzlerin, und wirft der SPD "eine schwarz-gelbe Sockenkampagne" vor.

Gegen Koalitionschaos von Rot-Rot inszeniert sich die Union als die Staatspartei in Deutschland. Zehn Ministerpräsidenten sind auf der Bühne um Merkel gruppiert, in der Ministerriege natürlich auch der in Düsseldorf bejubelte Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Vier Reihen hochgeballte Staatsmacht in CDU-Hand - ein Bild der Verlässlichkeit. Ein Bild aber auch wie bestellt, um Kritik an der Zuspitzung des Wahlkampfs allein auf die Kanzlerin zu widerlegen.

Zwischen den Ministerpräsidenten herrscht Arbeitsteilung, bevor Merkel auftritt. Horst Seehofer nutzt seine prominente Rolle als Vorredner, um das soziale Profil der Union zu schärfen. Reformen von Hartz IV beim Schonvermögen stellt er in Aussicht und Änderungen beim leistungsfeindlichen Steuerrecht. Roland Koch und Christian Wulff dürfen vor Rot-Rot warnen, Jürgen Rüttgers ein paar harte Worte über den SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier verlieren, den Merkel in ihrer Rede gar nicht erwähnt. "Der Mann ist bestenfalls eine schlechte Kopie von Gerhard Schröder", sagt Rüttgers über Steinmeier. "Da soll man sich keine Illusionen machen. Die haben sich auf einen gemeinsamen Weg gemacht", sagt Hessens Regierungschef Koch über Rot-Rot. "Wir kommen der Verantwortung für unser Land nicht nach, wenn wir die Linke mitregieren lassen", sagt Christian Wulff über die Linkspartei.

So war der Boden für die Kanzlerin bereitet, "die Frau, der die Deutschen in der Krise vertrauen", wie sie sich ankündigen ließ. Und drei Wochen vor der Wahl wollte Merkel zeigen, dass sie begeistern kann. Immer wieder haben ihre Strategen den dahinplätschernden Wahlkampf damit verteidigt, dass immer mehr Wähler ihre Entscheidung erst am Ende fällten. "Wahlkampf heißt nicht, ständig schlecht über den anderen zu reden", sagte Merkel vor der Veranstaltung.

Weitgehend hielt sie sich daran, doch nicht ganz. "Riesige Zerrissenheit" attestiert sie der SPD. "Gönnen wir ihnen eine Pause. Sie können sich erholen, in der Opposition." Der Jubel ist groß im Parteivolk. Endlich ein bisschen Wahlkampf.

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