Wahlkampf
Merkels sanfte Tour weckt wenig Begeisterung

Freitag Russland, Samstag Saarland, Sonntag Frauen-Union: Im Wettlauf ums Kanzleramt scheint Angela Merkel aufs Weitermachen wie bisher zu setzen. Dabei gibt sie allerdings die Zahme und greift ihre Gegner nicht an. Doch ihr attackenfreies Auftreten begeistert nicht jeden.

SOTSCHI/DUISBURG. Lustwandeln, wenn das Wort einen Sinn hat, dann hier. Palmen schwingen sanft im Wind, der von der Küste heraufweht, immer wieder hat man von dem verwinkelten Weg einen Blick aufs glitzernde Schwarze Meer. Entspannt wie zwei Urlauber schlendern Angela Merkel und Dmitrij Medwedjew am vergangenen Freitag in Sotschi durch den Garten, der die Residenz des russischen Präsidenten säumt. Gleich werden sie der Presse die Ergebnisse ihrer Gespräche verkünden, und die Bilder sollen jetzt schon zeigen: Im Gegensatz zum frostigen Empfang im Jahr zuvor herrscht heute nichts als Harmonie. Egal ob bei Opel, Infineon oder den Wadan-Werften - überall ergänzen sich russische und deutsche Interessen an diesem Tag aufs Beste.

Einen Tag später, zurück in Deutschland, werden Schlauchboote zu Wasser gelassen, Mädchen springen hoch zum Volleyball, der Sommerduft von Bratwurst und Sonnencreme hängt in der Luft. Angela Merkel schiebt sich durch winkende Gäste, die zum Familienfest der Saar-CDU gekommen sind. Autogrammjäger umlagern die Kanzlerin. Männer mit nacktem Oberkörper unter Strohhüten und Frauen mit handtellergroßen Sonnenbrillen versorgen sich mit Bier und Limo. "Guck mal, die Merkel", sagen sie. Gleich wird die von der Krise reden und davon, wie Deutschland diese größte Bewährung seit Kriegsende und Einheit bewältigen kann.

Von Russland ins Saarland, vom staatstragenden Auftritt im größten Land der Erde in die große Schlacht um Deutschlands kleinstes Bundesland, das in Kürze wählt. Von der russischen Schwarzmeerküste in Sotschi an den Bostalsee bei St. Wendel. An einem Tag Spaziergang und Mittagessen mit einem der Mächtigen der Welt, am nächsten rein in den Nahkampf, in den Wahlendspurt. Ballermann, ein jedes Mal. Doch erst am gestrigen Sonntag, bei ihrer Visite auf dem Kongress der Frauen-Union, gibt Merkel eine kleine, aber feine Antwort auf die so groß erscheinende Frage: Wann beginnt endlich ihr Wahlkampf?

So unterschiedlich Merkels Termine sein mögen, scharf trennen lassen sie sich sechs Wochen vor der Bundestagswahl sowieso nicht mehr. Längst hat das große Thema, die Krise und ihre Bewältigung, die Grenze zwischen Staatsbesuch und Wahlkampf verwischt. Alles spielt immer ein bisschen eine Rolle. Wenn Merkel in Sotschi ihr gutes Verhältnis zu Medwedjew zur Schau stellt, wenn die beiden sichtbare Projekte für den längst beschlossenen Ausbau der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen präsentieren, dann ist das eben auch ein bisschen Wahlkampf. Bislang galt SPD-Kandidat Frank-Walter Steinmeier als der Russlandversteher der deutschen Außenpolitik. Auch das ist jetzt Kanzlerinnensache.

Und wenn Merkel am Bostalsee als Lehre aus der Finanzkrise zieht, dass "nicht wieder einige wenige mit dem Geld von vielen auf und davon ziehen", dann ist das eben auch die Ansage einer Kanzlerin, die am Vortag Medwedjew für ihre Idee von stärkeren Regeln für die internationalen Finanzmärkte zu überzeugen versuchte. Am Freitag vor der Bundestagswahl dann wird sie in Pittsburgh beim G20-Treffen für ihre "Charta des nachhaltigen Wirtschaftens" werben. Fernsehbilder mit Welthoffnungsträger Barack Obama gibt es obendrauf - zwei Tage vor der Wahl sind sie mehr wert als teure Wahlwerbung. Weiterregieren ist der beste Wahlkampf, längst hat sich Merkel auf diese Strategie festgelegt.

Reicht das? Die Journalisten im Regierungsairbus haben Zweifel. Die "Theodor Heuss" schwenkt über der Ukraine gen Süden, Merkel hat zum Hintergrundgespräch in den Konferenzraum gebeten.

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