Wahlkampf
Wie Merkel in der Wahlarena punktete

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist am Montagabend in der ARD-Wahlarena erschienen, um die Fragen von Zuschauern zu ihrer Politik zu beantworten. Herauskam dabei weder ein saftiger Streit noch die sonst im Wahlkampf übliche Harmoniesoße, sondern eine kleine Überraschung.
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DÜSSELDORF. Am Anfang der Sendung hätte man sich beinahe Sorgen machen müssen um die Kanzlerin. Verloren stand sie da am durchsichtigen Plexiglas-Rednerpult mitten in einer kleinen Arena. Als die Kamera näherkommt, offenbart sie schonungslos ein müdes, leicht zerfurchtes Gesicht und einen leicht ängstlichen Blick der Kanzlerin. Wird das jetzt eine zähe Fragestunde mit einer kurz angebundenen Kanzlerin? Und am Ende sogar peinlich?

Genau das Gegenteil ist der Fall. Schon nach wenigen Minuten wirkt Merkel gar nicht mehr müde. Souverän nimmt sie die Fragen der Zuschauer auf, antwortet stets ausführlich, oft mit einem Lächeln und lässt ganz einfach den ihr eigenen Charme spielen. Und der wirkt. Was aber auch an den beteiligten Zuschauern liegt, die ein bisschen wie handverlesen wirken, so höflich wie sie alle ihre Anliegen vortragen. So entwickelt sich eine höfliche, aber sehr offene Diskussion über viele der dringendsten Sorgen und Probleme im Land.

Natürlich hat Merkel keine Patentrezepte mitgebracht. Aber sie zeigt, ganz Regierungschefin, dass sie die Sorgen der Menschen versteht und auch ernst nimmt. Etwa als der mittelständische Unternehmer Roland Rademacher von der Kreditklemme erzählte, in der sein Autozulieferer-Betrieb steckt. Merkel geht auf den Mann ein, betont, die Regierung werde sich weiter dafür einsetzen, dass die Banken die Firmen ausreichend mit Geld versorgen.

Eine Mehrwertsteuer-Erhöhung schließt die Kanzlerin auf eine Zuschauerfrage hin definitiv aus. Ein wenig heikel wird es, als eine junge Mutter spricht, die mit ihren Kindern in der Nähe des Atomkraftwerks Krümmel bei Hamburg lebt. Natürlich ist die Mutter für den Atomausstieg, schließlich gebe es Studien, die zeigten, dass Kinder, die in der Nähe von Atommeilern leben, einem erhöhten Leukämierisiko ausgesetzt seien. Und wieder zeigt Merkel ihre Stärken. Sie geht auf die Sorgen der Frau ein ohne von ihrem Kurs abzuweichen. Sie plädiert dafür, länger als vereinbart an der Atomkraft festzuhalten, deutsche Atomkraftwerke seien sicher und die Atomkraft eine "Brückentechnologie". Überzeugen kann sie die Mutter nicht, dennoch scheint die irgendwie besänftigt.

Einem Arbeitslosen aus Ostdeutschland erklärt Merkel, warum sie Mindestlöhnen skeptisch gegenübersteht. Der Staat werde auch weiterhin aushelfen, wenn das Einkommen nicht zum Leben reicht. Denkbar sei, dass die Freigrenze für 400-Euro-Jobs angehoben werde. "Der Gedanke, dass das an die Inflationsrate oder die allgemeine Lohnentwicklung angepasst wird, der ist sinnvoll", sagte die Kanzlerin. Dies habe ihre Partei bisher zwar im Wahlprogramm nicht vorgesehen. "Das werden wir uns aber sicher noch mal vornehmen", sagte Merkel. Eine betroffene Bürgerin hatte beklagt, dass die Freigrenze von 400 Euro nicht verändert werde, obgleich die Lebenshaltungskosten mittlerweile gestiegen seien. Für diese Minijobs müssen keine Sozialversicherungsbeiträge gezahlt werden.

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