Wahlkampf
Wie Ude drei neue Wähler gewann

Der direkte Vergleich: In Nürnberg tritt SPD-Herausforderer Ude vor das Wahlvolk, in Würzburg empfängt Ministerpräsident Seehofer Kanzlerin Merkel. Allen macht das Wetter zu schaffen – und doch gibt es einen Punktsieger.
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Würzburg/NürnbergWer ist besser? Ude und Steinmeier oder Seehofer und Merkel? Ich habe mich auf den Weg gemacht, um die beiden Wahlkampfauftritte zu vergleichen. Denn erst sind die SPDler in Nürnberg, ein paar Stunden später das Duo aus CSU und CDU in Würzburg auf Wahlkampftour. Doch die Reise verläuft nicht ganz so wie geplant.

Nürnberg, 18:15 Uhr: Er kommt auf die Bühne und hat schon gewonnen – wenigstens die Herzen der vielleicht 800 bis 1.000 Menschen, die im Regen und Kälte seinetwegen ausgeharrt haben: „Politik geht nur mit Humor“, sagt Christian Ude, der SPD-Kandidat, der in Bayern Ministerpräsident werden will. Und die Zuhörer lachen. Und klatschen.

Es ist ein Heimspiel in Nürnberg, denn traditionell ist die SPD hier stark. Doch vielleicht liegt es auch daran, dass Ude, der im Fernsehen und Radio immer etwas behäbig daherkommt, weil er so langsam und schleppend spricht, live anders wirkt. „Der ist doch wirklich sympathisch“, sagt eine Frau während der Rede. Sie ist durch Zufall hier. Eigentlich wollte sie shoppen gehen, als sie das Zelt der SPD auf dem Kornmarkt gesehen hat, ist sie stehen geblieben. Ob sie weiß, wen sie wählen wird? „Jetzt schon“, sagt sie. Ein Mann, der sich etwas abseits untergestellt hat, sagt: „Das kann er sich alles sparen. Der hat doch keine Chance.“

Nürnberg, 18:45 Uhr: Auftritt Steinmeier. Der SPD-Fraktionsvorsitzende ist gut drauf, keine Frage. Und er ist der bessere Redner. Er hat das Publikum im Griff. Er redet laut, manchmal fast zu laut, und wirft mit Sprüchen nur so um sich. „Wir werden dem Seehofer kräftig in die Suppe spucken“, ruft er. „Und wir haben der CSU schon ein paar Mal gezeigt, wo der Frosch die Locken hat, liebe Freunde.“ „Pah“, sagt eine Frau, „das ist doch alles nur Wahlkampfgetöse. Die wähl´ ich bestimmt nicht.“ „Mir gefäll´s sagt ein Mann. Für mehr von der Rede bleibt keine Zeit. Denn ich will noch weiter zu der Gegenveranstaltung der Konkurrenz in Würzburg.

18:55 Uhr, irgendwo auf der A3 zwischen Nürnberg und Würzburg: Zugegeben, ich habe verdammt knapp kalkuliert. Pünktlich hätte ich es sowieso nie schaffen können – die von Nürnberg nach Würzburg dauert etwa eine Stunde. Und die Wahlveranstaltung der CSU in Würzburg geht schon um 19:30 Uhr los. Erst soll Horst Seehofer, Bayerns Ministerpräsident sprechen, dann Bundeskanzlerin Angela Merkel sprechen.

Doch normalerweise beginnen solche Reden erstens sowieso nicht pünktlich und zweitens werden sie meist von einem eher Rahmenprogramm eingefasst. Auf das kann ich getrost verzichten. Ich will mit den Menschen sprechen und wieder, wie in Nürnberg fragen: Wie habt ihr die beiden empfunden? Wisst ihr nun, wen ihr wählen werdet? Dann will ich den direkten Vergleich zwischen CSU/SPD ziehen.

Doch ich habe das Wetter vergessen: Es regnet nicht, es schüttet. Dann zieht Nebel auf. Lkw hinter Lkw zuckeln über die Straße – ich krieche über die Autobahn. Kein Spaß, das Autofahren. Als ich nach Würzburg einfahre (endlich!), zucken Blitze über das Wahrzeichen der Stadt. Hoffentlich redet noch einer, wenn ich ankomme.

Würzburg, 20:28 Uhr: Es soll wohl nicht Merkels beste Rede gewesen sein, erzählt man mir. Ich kann das nicht beurteilen, ich hab es nicht mehr geschafft auf den unteren Markt. „Du hast wirklich nichts verpasst“, sagt eine Frau zu mir. Sie und ihre Freundin waren schon am Montag bei Ude und Steinbrück, heute haben sie sich die nächste Wahlkampfveranstaltung gegeben. „Merkel hat geredet wie sonst auch immer. Langweilig. Das hätte ich mir auch im Fernsehen anschauen können.“

Weil es so regnete, verzichtet Seehofer auf seinen Auftritt und übergibt mit den Worten „Du bist ein Glücksfall für Deutschland“ sofort an die Bundeskanzlerin. Das Zitat habe ich bei den Kollegen von Bayern 1 nachgehört und bei der Main Post nachgelesen.

Die redete ungefähr eine halbe Stunde vor 4.500 Besuchern, die sich unter Regenschirmen verschanzt haben, und fährt gerade ab, als ich ankomme. Sie spricht davon, wie gut es Deutschland gehe, erzählen mir wieder die beiden Freundinnen. Dafür haben sie kein Verständnis: „Es geht nicht allen gut“, sagt die eine. „Was ist mit denen, die für 2,50 Euro pro Zimmer im Hotel saubermachen?“

Beide haben sich entschieden, wen sie wählen wollen: Ude und Steinbrück. Denn sie stehen ihrer Meinung nach für mehr Gerechtigkeit. Bildung, Kinderbetreuung, gleicher Lohn für Frauen, Gleichbehandlung von Homosexuellen, das sind die Themen, die den beiden am Herzen liegen. Die eine sagt: „Nach diesem Auftritt bin ich mir ganz sicher, wen ich wähle: Zwei Mal SPD.“

Einen direkten Vergleich kann ich nicht ziehen, aber ich kann gegenüberstellen, was mir die Menschen erzählt haben. Natürlich ist auch das selektiv, denn ich habe ja nur mit einigen wenigen gesprochen. Doch was da durchklingt, könnte für Ude und für die SPD sprechen, nicht nur in Bayern, auch im Bund. Wenigstens heute Abend.

„Ich wollte die Kanzlerin einmal live sehen, aber sie hat mich enttäuscht“, sagt eine 18-jährige Frau. „Wie die da am Rednerpult stand“, sagt ein Mann und schüttelt den Kopf. „So steht die auch im Bundestag da. Das war nicht wählernah.“ Eine Frau bleibt stehen und sagt: „Die Rede? Naja, aber ich hätte so gerne Fragen gestellt.“ „Ich fand es toll, sie mal zu erleben“, sagt ein Mann. Und Seehofer? Er macht eine wegwerfende Handbewegung: „Ach, den kenn ich schon. Den finde ich arrogant.“

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