"Wahnsinn", fast so gut wie der Mauerfall.
Leipzigs reiche Ernte

Die Verkäuferin der kleinen Bäckerei im Leipziger Stadtteil Seehausen hat einen hübschen Blick auf wogende Weizenfelder, und ihr Herz ist so voll, dass ihr der Mund fast überläuft: "Bei uns zu Hause ist die Hölle los", sagt sie.

HB LEIPZIG. Ihrem Ehemann geht es auch nicht viel besser: "Der ist ganz durcheinander vor Freude. Er hofft, dass seine Baufirma jetzt wieder richtig in Schwung kommt." Sie selber hat vor Aufregung fast gar nichts zum Mittagessen herunterbekommen, aber vielleicht ist das gar nicht so wichtig, denn seit dem Mauerfall gab es wenig, was die 52-jährige Sächsin so gefreut hat wie die Nachricht im Radio, dass BMW sein neues Werk direkt vor ihre Bäckerei setzen wird.

Bestimmt bringe die Fabrik auch den vielen ABMlern unter ihren Kunden etwas, hofft sie. Denn deren Stimmung sei mittlerweile "am Tiefpunkt", trotz aller süßen Teilchen und des blonden Haars der stämmigen Bäckereiverkäuferin.

Im kleinen Hotel Residenz neben der Bäckerei beschließen die drei Damen, "die Korken knallen zu lassen". "Bald sind unsere 50 Zimmer sicher besser belegt", ist sich Verkaufsleiterin Kerstin Winkler sicher - von der nahen Messe Leipzig "sind wir bis jetzt eher enttäuscht".

Drei Kilometer Landstraße weiter, im kleinen Gewerbegebiet Plaußig, ruft Olaf Wildgrube nur "Wahnsinn", als er hört, dass sich die Münchener auf der anderen Straßenseite niederlassen. "Jetzt kriegen wir endlich den Autobahnanschluss, auf den wir so lange warten", sagt der Verkäufer der Genossenschaft Dachdecker-Einkauf Ost. Dann fällt ihm seine Freundin ein: "Die findet dann sicher auch wieder einen Job als Kauffrau."

Der Mann, der die Leipziger letztlich glücklich gemacht hat, sitzt gewöhnlich im 22. Stock des legendären Vierzylinders am Münchener Petuelring, dem Stammsitz der Bayerischen Motorenwerke. Von hier kann Joachim Milberg wahlweise Richtung Alpen oder über das Gelände des Münchener Olympiastadions schauen. Jetzt blickt der Vorstandschef gen Nordosten und spricht noch ein wenig technokratischer und nüchterner als sonst, während er den Journalisten erläutert, warum Leipzig gewonnen hat.

"In der Abwägung der Kriterien Flexibilität, Prozessbeherrschung und Fördermittel und ihrer unternehmerischen Bewertung ist letzten Endes die Entscheidung für Leipzig/Halle gefallen", sagt Milberg. In der Sache waren es vor allem drei Kriterien, die den Ausschlag gaben. Leipzig hat ein günstig gelegenes Grundstück angeboten, Arbeitskräfte gibt es en masse, und das zwei Milliarden Mark teure Werk kann mit bis zu 35 Prozent öffentlichen Mitteln gefördert werden. Dass der Betriebsrat einer flexiblen Arbeitszeitregelung für deutsche Standorte zustimmte, hat auch geholfen.

Und dann waren da noch ein paar Faktoren, vor die man getrost das Adjektiv "menschliche" setzen kann. Der Leipziger Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee (SPD) hat "einen großen Anteil am Sieg" erzählt einer, der an den Verhandlungen beteiligt war. So hat es beim Vorstand Eindruck gemacht, dass sich der OB bayerische BMW-Werke angeschaut hat und dann fachkundig reden konnte.

"Wir sind über eine sehr, sehr hohe Latte gesprungen", sagt der frühere Hochspringer am Abend und kann vor lauter Glück kaum die Füße stillhalten. Mit BMW bekomme Leipzig wieder "ein industrielles Rückgrat"; jetzt will er darangehen, mit dem neuen Renommee andere Unternehmen anzulocken. Doch zuvor gibt s Freibier für alle im Rathaus, vor dem fünf blitzende BMW-Modelle stehen, auf deren Scheiben der abgewandelte Werbeslogan "Freude an Leipzig" prangt.

Tiefensee hat seinen Job gut gemacht. Dass Gerhard Schröder persönlich in München für den Osten interveniert hat, ist dagegen nicht so gut angekommen. Man lässt sich nicht gerne drängen bei BMW. Am liebsten wäre dem Kanzler Schwerin gewesen, heißt es - wobei offen bleibt, warum. Weil es Mecklenburg-Vorpommern besonders nötig hätte? Oder weil das Bundesland Rot-Rot regiert ist und mit der Ansiedlung ein wirtschaftsfreundliches Image bekommen hätte?

Aber das ist Vergangenheit. Jetzt ist Freude, in Leipzig, beim Kanzler, wie er mitteilen lässt, und bei den Ost-Förderern. Hans Christoph von Rohr, Chef des Industrial Investment Council, das im Auftrag der Bundesregierung und der neuen Bundesländer Investoren in den Osten lockt, sagt: "Die neuen Bundesländer haben es bisher schwer, automatisch auf den Radarschirm von Weltunternehmen zu kommen. Jetzt hat der Osten das Gütesiegel des Premiumherstellers BMW."

Joachim Dirschka, Präsident der Leipziger Handwerkskammer, gluckst nur noch, vor Zufriedenheit und natürlich auf Sächsisch: "Das ist ein Glückstag für Leipzig. Ich bin Leipziger, das ist eine dolle Stadt."

Dafür spricht die - auch dank Baulöwe Jürgen Schneider - aufs Hübscheste restaurierte Innenstadt. Dafür spricht eine große Geschichte. Dagegen sprechen ein paar Zahlen: Rudolf Nowotny, Sprecher des Arbeitsamtes, sagt: "Wir haben 68 000 Arbeitslose im Bestand", und wie er es sagt, so klingt es nach der Verwaltung des Elends. 10 000 Arbeitsplätze inklusive Zulieferern soll BMW bringen.

60 000 Wohnungen stehen leer, bei gut 430 000 Einwohnern. Gregor Hoffmann vom größten Immobilienanbieter, der Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft, glaubt, dass BMW "das Problem nicht lösen wird, aber es hilft, den Standort attraktiver zu machen". Er setzt dazu: "Wir haben alle darauf gewartet, dass etwas passiert."

Dafür, dass etwas geschehen ist, hat auch Detlef Schubert gesorgt, der jetzt im ehrwürdigen Leipziger Rathaus schallend ins Handy lacht und sagt: "Vielen Dank Stefan, dass du mich immer so gut auf dem Laufenden gehalten hast - so konnten wir siegen!" Schubert ist Wirtschaftsbeigeordneter der Stadt, auf ihm lag die Hauptlast der Verhandlungen mit dem Autokonzern. Sein Sohn Stefan studiert in Augsburg, dem Konkurrenzstandort im Rennen um die Ansiedlung. "Er war mein Spion, hat mir ständig berichtet, wie dort die Diskussion läuft."

Von Anfang an, erzählt Schubert, habe er verfolgt, "was die Konkurrenten tun", sich immer wieder deren Pläne im Internet angeschaut. Als ihm klar wurde, "dass viele Probleme haben, die nötigen 400 Hektar zusammenzubekommen, habe ich alles andere links liegen lassen". Natürlich mussten auch die richtigen Worte gefunden werden. Jeden Brief nach München habe er mit "Ihr BMW-Team - wir arbeiten für ihren Erfolg" unterschrieben.

Inoffiziell hat ihn die frohe Botschaft am Dienstagabend erreicht. "Da konnte ich es aber noch nicht so recht glauben." Nachdem ihn dann am Mittwochmorgen sein Bürgermeister freudig aus dem Italienurlaub anrief, "bin ich erst mal in die Thomaskirche gegangen und habe Gott gedankt, dass er es mit Leipzig und mir so gut meint".

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