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19.12.2006 
Organhandel

Warteliste in den Tod

von Rüdiger Scheidges

Immer mehr Menschen sind zum Überleben auf Fremdorgane angewiesen. Doch immer weniger Menschen spenden sie – und die Politik sieht tatenlos zu. Ein Handelsblatt-Report über Leben und Sterben – und Lagerstätten, in denen Menschen zur Ersatzteillieferung geparkt werden.

Organspenden werden immer seltener. Foto: dpa Lupe

Organspenden werden immer seltener. Foto: dpa

BERLIN. Sie gedeihen prächtig, die Jugendlichen in Englands Internaten. Sie haben ein einziges Lebensziel: Der Gesellschaft dienen und als lebende Ersatzteillager herhalten. Geklonte Kinder als Produkte einer kruden Zweckrationalität, eines radikalen Verwertungsdenkens. Menschlicher Nachwuchs als quicklebendige Organbank – zum Ausweiden und Ausschlachten. In seinem Buch „Alles, was wir geben mussten“ breitet Kazuo Ishiguro ein finsteres Szenario aus: Die Zukunft, sie ist böse.

In Wahrheit existieren sie längst, die Lagerstätten, in denen Menschen zur Ersatzteillieferung geparkt werden. Nicht in London, nicht in Berlin. Aber in Konzentrationslagern ähnlichen Gefängnissen in China, in den Notgemeinschaften indischer Slums in Bombay oder Kalkutta. In Indien, zum Beispiel, wurden in 25 Jahren 100 000 Nieren verpflanzt – illegal für den Export. In Pakistan werden reichen Europäern und Arabern heimische Organe eingepflanzt. Und in den Ex-Tyranneien des Ostblocks stehen regelrechte Menschen-Zwinger: in Bulgarien, Moldawien, Ukraine. Aufstrebendes Boomland des Organhandels: Brasilien.

Die Mauern aller „Internate“ quer über den Globus sind nicht aus englischem Backstein, sondern aus Armut gebaut, hochgezogen aus einem fahrlässig erzeugten Mangel an lebenspendenden Organen in den so genannten fortgeschrittenen Zivilisationen. Wie bei uns. Denn die zunehmende Verknappung legal verfügbarer Organe jagt auch deutsche Patienten in die Verzweiflung illegaler Beschaffung. Oder – noch weitaus häufiger – in den Tod auf der Warteliste für Transplantationen.

Drei bis vier Menschen pro Tag sterben mittlerweile an dem zwischen Politik und Ärzteschaft organisierten Chaos, in dem sich Gesetzgeber, Ärzte, Krankenhäuser und Organvermittler verbittert die Schuld für die sinkenden Spenderzahlen zuweisen. Ein Chaos, in dem die Kranken und Todgeweihten alleine gelassen werden. 50 000 Patienten gibt es, 12 000 stehen auf der Warteliste. Viele von ihnen suchen heimliche Auswege: legale oder halblegale.

Georg Steinmann (Name geändert) geht es nicht anders. „Jeder Patient in Großstädten weiß, dass es eine Szene für die illegale Beschaffung von Organen gibt“, erzählt der hagere Mann, der nach deutschem Gesetz beinahe vom Opfer zum Täter wurde. Als seine Nieren die Funktion versagten und ihm fünf bis neun Jahre dreimal die Woche fünf Stunden Dialyse drohten, machte sich der Mittfünfziger schlau. In Tel Aviv, in Jerusalem, in Moskau und in Istanbul hätte man ihn „verarzten“ können – obwohl der Organhandel überall verboten ist. Doch für 100 000 Dollar wäre es gegangen. Allein das Argument befreundeter Ärzte, dies sei ein Vabanque-Spiel mit dem eigenen Leben, hielt ihn ab. Und das große Glück in Gestalt seiner Frau. Die schenkte ihm eine Niere. Zufällig hat sie dieselbe Blutgruppe. Er hilft vielen: der Überlebenshelfer Zufall.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Angehörige verbieten Organentnahme.

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