Warum Schäuble kein Popstar ist
„Bin ein alter, manchmal mürrisch aussehender Mensch“

Eine ARD-Dokumentation über den Bundesfinanzminister tappte zwar in die Varoufakis-Falle, gab aber doch Eindrücke davon, wie mühsam internationale Politik funktioniert – und wie Wolfgang Schäuble tatsächlich tickt.
  • 18

DüsseldorfDie Dokumentation „Schäuble – Macht und Ohnmacht“ in der ARD, am Montagabend direkt vor den „Tagesthemen“ ausgestrahlt, endete offen und spannend. Wolfgang Schäuble erinnerte daran, dass er schon ganz am Anfang seiner Laufbahn den Ruf hatte, ein „unbequemer Streiter“ zu sein. „Aber angepasst war ich nie“, lauteten dann seine letzten Worte im Film.

Das bezog sich offenkundig auf das Fazit, das Filmautor Stephan Lamby zuvor gezogen hat: „Ein Muster im politischen Leben von Wolfgang Schäuble“ sei, „ein Diener, ein Staatsdiener“ zu sein, dessen Loyalität ausgenutzt werden könne. Man darf sich vom offenen Ende des Films angespornt fühlen, über einen Rücktritt des Bundesfinanzministers zu spekulieren, wenn er bei den nächsten Etappen der Griechenland-Krise gegen seine Überzeugungen agieren müsste.

Einstweilen ist weder Schäubles Laufbahn am Ende, noch das Projekt, an dem er arbeitete, während das Filmteam ihn begleitet hat: die endlosen Versuche, die Krise um Griechenland zu lösen.

Vor dem spannend-offenen Ende hatte sich Lamby mitunter verheddert in der schwierigen Erzählstruktur, die einerseits von Januar bis Juli 2015 chronologisch voran ging und andererseits zwischendurch Rückblenden einflocht. Sie galten natürlich der deutschen Wiedervereinigung, während der Schäuble Innenminister war, und seinem Verhältnis zu Helmut Kohl und Angela Merkel. Das Attentat 1990, seit dem der CDU-Politiker im Rollstuhl sitzt, schilderten seine Tochter Christine Strobl (derzeit Chefin der ARD-Filmfirma Degeto), „Stern“-Reporter Hans Peter Schütz sowie Schäuble selbst nahegehend.

Auf der Gegenwartsebene sagte Schäuble einmal in Lambys Kamera: „Ich bin für die Medien nicht so attraktiv, ich bin ein alter, etwas müder und manchmal mürrisch aussehender Mensch und kann nicht mit so einem Popstar konkurrieren“. Das galt Yanis Varoufakis, seinem griechischen Amtskollegen und Gegenspieler in der ersten Jahreshälfte 2015.

Dennoch ging auch Lamby in die Varoufakis-Falle. Der mediengewandte Grieche feilte auch vor seiner Kamera mit Sätzen à la „Ich war intellektuell erzürnt, emotional war es okay“ an seinem Image und erzählte gern und viel von Schäuble – zum Beispiel, wie er ihm sofort anbot, ihn Wolfgang statt Dr. Schäuble zu nennen.

Später redete der Ex-Minister doch lieber von „Dr. Schäuble“, der „die Eurogruppe als seine Schöpfung ansieht“, vielleicht wegen der Assoziation zu „Dr. Frankenstein“, von dem Varoufakis ebenfalls sprach. Schäuble wollte, auf eine dieser Äußerungen angesprochen, die Unterredung mit Varoufakis „nicht über die Medien fortsetzen“. Filmautor Lamby aber wollte es und montierte weiter gerne Aussagen der beiden gegeneinander. Das verdeutlichte immerhin den eigentlich bekannten Unterschied zwischen den beiden.

Kommentare zu " Warum Schäuble kein Popstar ist: „Bin ein alter, manchmal mürrisch aussehender Mensch“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • "Sind Sie wirklich der Meinung das im Berliner Bundestag „unsere“ Entscheidungsträger sitzen? "

    Ja, so schlimm ist es leider. Natürlich bekommen die Anweisungen vom Großen Bruder und sind glücklich und zufrieden, wenn sie ihren hohlen Kopf unter den schmutzigen Schuh von Juncker stecken dürfen aber das sind dennoch die Entscheider.

    p.s. es wäre besser für uns und ich wünschte, Sie würden richtig liegen, denn keine Macht hat ein derartiges Interesse daran, ihren Vasallenstaat so zu verheizen, wie es die Bundesregierung praktiziert.

  • Schäuble? Ist das nicht der, der erst die ganze Zeit Griechenland unter Druck gesetzt hat um dann aufgrund von denselben lächerlichen Versprechungen, die er zuvor kritisiert hat, die Bundestagsabgeordneten überzeugen musste, dennoch mit "ja" zu stimmen?

    Diejenigen, die die ganze Zeit über eine "Good Cop Bad Cop"-Nummer vermutet haben lagen vollkommen richtig, der Mann hat uns nach Strich und Faden verarscht und typisch für die heutigen Deutschen, denen das Denken fremd geworden ist, er ist dennoch so beliebt wie nie zuvor.

    Das ist fast schon ein wenig gruselig, die heutigen Deutschen sind mehrheitlich noch viel leichter zu lenken und zu manipulieren als die in den 30ern, wie die Schafe, völlig frei von jeglichem eigenen Willen.

    Es grenzt allerdings an Sadismus von der Regierung, dass so umfassend auszunutzen und die Schafe kalt lächelnd zu verbrennen. Ist aber zumindest denkbar, dass die Politiker auch schon so blind und blöde sind, dass sie das gar nicht mehr mitbekommen.


  • @Herr Bernd Wiesner
    Auch die große Zahl der Nichtwähler, sollten darüber nachdenken, sich zukünftig wieder an Wahlen zu beteiligen … Jede Stimme zählt, also informiert euch und geht endlich wieder wählen.

    Sind Sie wirklich der Meinung das im Berliner Bundestag „unsere“ Entscheidungsträger sitzen? Im deutschen Bundestag sitzen bestenfalls gut bezahlte Politikdarsteller die für die Bühnenshow zuständig sind, Applaus und grölendes Gelächter können sie gerne bekommen, aber nicht meine Stimme.


Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%