Was Merkel nicht sagt
„Das alte Europa gibt es nicht mehr“

Die Kanzlerin hat vor dem CDU-Wirtschaftsrat mal wieder für strikte Finanzdisziplin in der Euro-Krise geworben. Wenn Angela Merkel Europa retten will, hätte sie etwas ganz anderes sagen sollen. Ein Redevorschlag.
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BerlinSehr geehrte Damen und Herren, ich wende diesen rhetorischen Trick nur ungern an. Aber die Lage unseres Landes und Europas lässt es mir heute geboten erscheinen, dass ich das von meinen Mitarbeitern vorbereitete Manuskript weglege. Beide Seiten - Sie, die Vertreter der deutschen Wirtschaft, und ich als Kanzlerin - sollten sich Floskeln ersparen. Ich will die Gelegenheit nutzen, um Ihnen ein wahrhaftiges Bild der großen wirtschafts- und finanzpolitischen Herausforderungen unseres Landes und Europas zu zeichnen.

Auf die Idee dazu bin ich durch die Rede eines amerikanischen Lehrers gekommen, der bei der Abschlussfeier an der Wellesley High School eben nicht mit den üblichen Worten eine heile Welt beschrieben, sondern die junge Generation vor Selbstzufriedenheit und Unwahrhaftigkeit gewarnt hat.

Meine Damen und Herren,

in den vergangenen Wochen ist viel über ein Scheitern Europas gesprochen worden - doch nicht die europäische Idee ist gescheitert, sondern der Glaube, Nationen und Generationen können auf Kosten der anderen leben. Viel zu lange haben wir geglaubt, dass sich Aufschwung und Wachstum auf Dauer über Kredite finanzieren lassen, dass sich notwendige strukturelle Reformen verschieben lassen, dass Sparen immer nur im Aufschwung möglich wäre.

Die europäische Krise hat diesen Glauben zerstört. Doch mit dieser Krise haben wir jetzt die einmalige Chance, Fehler der Vergangenheit - eine Währungsunion ohne Transparenz, eine wirtschaftliche Zusammenarbeit ohne Aufgabe von Souveränität, eine Fiskalunion ohne wirksame Aufsicht, eine Erweiterung der EU ohne Vertiefung und immer mehr europäische Institutionen ohne wirklich demokratische Legitimation - zu korrigieren. Eines ist sicher: Die bisherige Art unserer Europapolitik, entweder von oben verordnet oder mit viel Pathos, aber wenig Substanz, ist an ihr Ende gekommen.

Wir brauchen weniger das Karls-Preis-Europa als ein Europa, das die Menschen zu ihrem Europa, ihrem Anliegen, ihrem Interesse machen. Und zwar als deutsche Europäer und nicht als europäische Europäer - weil wir immer ein Europa der Vaterländer sein werden.

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Die unbequeme Wahrheit

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Eine tatsächliche Union

Kommentare zu " Was Merkel nicht sagt: „Das alte Europa gibt es nicht mehr“"

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  • Liest sich sehr geschmeidig. Aber auf die Gretchenfrage bleibt der Autor die Antwort schuldig:

    WIE KANN ES GELINGEN, DASS SICH DIE EURO-LÄNDER WIRKLICH AN VEREINBARUNGEN HALTEN?

    Bislang hat noch KEIN Euro-Staat alle vertraglich festgelegten Bedingungen der Währungsunion eingehalten (zur Erinnerung: Deutschland riß die 3%-Grenze). Und jetzt soll es ausgerechnet Griechenland sein, dem das als Erstem gelingt???

    Mag sein, daß wir schöne neue Verträge in der EURO-Zone bekommen. Doch jeder sollte sich fragen: Bin ICH bereit, mein gesamtes privates Vermögen darauf zu verwetten, daß diese Absprachen eingehalten werden? Falls die Antwort darauf "NEIN" ist, sollte der Betreffende auch nicht dafür plädieren, daß der Staat das deutsche Volksvermögen in diese Wette einbringt.

  • @Rheinschwimmer
    Richtig, danke für die Klarstellung.
    Ich meine natürlich einen Bundesstaat braucht niemand.
    Die jetztige EU-Bürokratie in Brüssel braucht aber auch keiner. Deren Aufgaben könnte man auf verschiedene internationale Organisationen aufspalten. Geht ja auch mit NATO, WTO, IWF, IAEA etc.

  • Peter Schoz,
    das müssen Sie richtig verstehen.
    Merkel glaubt wirklich, sie habe Europa erfunden

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