WASG-Aktion
Berliner Arbeitslose dürfen nicht im „Borchardt“ essen

Es wäre ein schöner Coup geworden: Die Berliner WASG, die bekanntlich gegen die PDS wahlkampft, hatte Arbeitslose zum Mittagessen ins Nobelrestaurant "Borchardt" eingeladen. Die Rechnung wollte die WASG dem Senat schicken. 20 mutmaßlich Arbeitslose kamen auch - doch in die Edelkneipe nicht hinein.

HB BERLIN. Das stadtbekannte Restaurant bleibt am Mittwochmittag für sie verschlossen. Zum Trost gibt es Kaviar und Champagner von der WASG auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die linke Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit (WASG) hatte sich vier Tage vor der Abgeordnetenhauswahl an diesem Sonntag eine Straßenaktion so richtig nach ihrem Geschmack ausgedacht: Medienwirksam lud sie am Tag vorher per Flyer Sozialhilfeempfänger ein, "1 x essen wie die Reichen im Nobelrestaurant Borchardt".

Die Spitzenkandidatin Lucy Redler, bekennende Trotzkistin ist umringt von locker 30 Journalisten, Kameraleute und Fotografen - fast mehr als Arbeitslose und WASG-Aktivisten. Mit kämpferischer Stimme verkündet die 26-Jährige in die Mikrofone den Zweck der Aktion: "Für all die Beleidigungen und Demütigungen, die der rot-rote Senat den Arbeitslosen und Hartz IV-Empfängern durch seinen Sozialabbau zugefügt hat, soll er jetzt mal ein Mittagessen spendieren." Die Rechnung werde die WASG an Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) weiterleiten. Die WASG hatte durch einen getrennten Wahlantritt von der Linkspartei für Aufsehen gesorgt. Eigentlich wollen beide Parteien bundesweit zu einer verschmelzen.

Die Aktion richte sich keineswegs gegen die Gäste des "Borchardt", sagt Redler. "Wir bekämpfen nicht die Leute, die dort essen, sondern die Politik des rot-roten Senats, der Berlin kaputt spart." Den Vorwurf Sarrazins, die WASG veranstalte hier einen üblen Scherz auf Kosten der sozial Schwachen, weist Redler empört zurück. "Es ist ein übler Scherz, dass dieser Senat brutal im Bereich Soziales spart und die Löhne weiter drückt."

Restaurantleiter Rainer Möckel zeigt sich völlig unbeeindruckt. Wie ein Zerberus, der Torhüter der Hölle in der griechischen Mythologie, hat er vor der Tür Stellung bezogen und lässt nur Hungrige hinein, die vorher reserviert haben. "Wer nicht reserviert hat, hat Pech gehabt", sagt Möckel. Das sei die gängige Praxis im "Borchardt": "Einlass nur bei Reservierung". Ein Blick durch die Scheiben zeigt gähnende Leere im großen Speisesaal. Nur im hinteren Garten sitzen bei strahlendem Sonnenschein gut 20 Gäste.

"Das Borchardt ist keine politische Plattform, sondern ein Restaurant, in dem man hoffentlich gut essen kann. Wir lassen uns nicht politisch missbrauchen", weist er einige Arbeitslose ab. Er hat aber auch etwas anzubieten. "Wir suchen seit Wochen händeringend einen Lageristen. Ich habe Visitenkarten unter einigen Arbeitslosen verteilt. Ich denke, mit einem Job ist Ihnen mehr geholfen."

Der seit fünf Jahren arbeitslose Helmuth Logemann ist angetan. "Ich will morgen vorsprechen, vielleicht habe ich Glück." Die anderen Betroffenen schwanken zwischen Enttäuschung und Empörung. "Ich finde es nicht gut, dass man mich hier einfach abweist", sagt Hartz IV-Empfänger Wolfgang Jäger leise. Klaus Elgert ist resoluter. "Wir sind nicht passend gekleidet. Das ist kein Zustand, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden." Nur Schicksalsgefährtin Ilona Hepp (52) erklärt, in dieses "Pennerlokal" wolle sie ohnehin nicht.

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