Deutschland
Wechsel? Alles längst egal

Selbst wenn heute der Minister kommt: Die Bratwürste von "Gisberts Musikantenschänke" gehen ganz schlecht. Die Bude steht zwar direkt vor dem Wahlkampfbus der CDU. Doch mit 1,50 Euro ist die Wurst 30 Cent teurer als anderswo in Luckenwalde. "Ich bin nur der Wurschtverkäufer! Is det allen klar?" distanziert sich der Grillmeister von der CDU-Veranstaltung.

HB LUCKENWALDE. Statt Wurst und Pommes sind "Radeberger" und "Kindl Pils" die Hauptnahrungsmittel auf der Fußgängerzone, die sie "Boulevard" nennen. Zum Dumpingpreis von 50 Cent für 0,4 Liter fließt der Stoff bereits gegen Mittag, drei Stunden vor dem Wahlkampfauftakt der CDU.

"Gleich kommt der Erich Honecker - aber in Ritterrüstung", höhnt ein Mittvierziger über den baldigen Auftritt von Jörg Schönbohm, dem CDU-Vorsitzenden in Brandenburg. "Schulze" nennt sich der korpulente, mittelgroße Mann Anfang 40. Er trägt braune Sandalen über blauen Kniestrümpfen plus kurze schwarze Turnhose. Überm Bauch spannt ein Tarnanzug mit kurzen Ärmeln. Auch "Schulze" kippt Billigbier in sich rein, was die Kehle hält. "Ich bin ein Rechter, aber keiner von dem Schönbohm. Ick wähl? NPD."

Jörg Schönbohm, das ist seit dessen Schimpf-und-Schande-Getöne gegen "verproletarisierte" Bürger ein Feindbild im Osten. In Luckenwalde bekommt er es zurück. Kaum einer hört dem Minister zu. Verwahrlosung und andere stereotype Analysen - der Osten ist vielen West-Politikern fremd geblieben, vor allem denen aus der Union, auch wenn man hier und dort regieren darf. Nun bestraft der Osten die Entfremdung und wendet sich ab.

Da sind die Tiraden Edmund Stoibers über die "Frustrierten, die nicht wieder die Bundestagswahl entscheiden sollen". Da sind die verschämten Bekenntnisse mancher Politiker, selber aus dem Osten zu kommen. Hier vorne dran: CDU-Parteichefin und Kanzlerkandidatin Angela Merkel, der immer wieder von ihrer Klientel im Osten vorgeworfen wird, sie habe sich längst von ihrer Herkunft losgesagt.

Kein Wunder, dass PDS-Leitfigur Gregor Gysi aus vollem Hals tönen kann: "Merkel will ihren scheinbaren Makel, aus dem Osten zu kommen, vergessen machen. Deshalb weigert sie sich, Politik für den Osten zu machen." In CDU-Ostverbänden, die diese Woche den Endspurt des Wahlkampfs einläuten, treffen solche Töne ins Herz. Die Apathie der Parteiführung gegenüber ihren Nöten löst zunehmend Unmut aus.

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