Wegen Sarrazin-Debatte
SPD fürchtet Verluste in der Wählergunst

Der Fall Sarrazin schlägt auch innerhalb der SPD große Wellen. Tausende Briefe und E-Mails haben die Parteizentrale, das Willy-Brandt-Haus in Berlin, in der letzten Woche erreicht. Die meisten unterstützen den Bundesbanker. Und auch prominente SPD-Politiker stehen hinter ihrem Genossen.
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BERLIN. "Die Debatte wird uns richtig schaden", sagte SPD-Chef Gabriel bei einer Veranstaltung in Berlin. Die zuletzt gestiegenen Umfragewerte der SPD würden wohl wieder sinken.

Tausende Briefe und E-Mails haben die Parteizentrale, das Willy-Brandt-Haus in Berlin, in der letzten Woche erreicht. Die allermeisten, sagt Gabriels Sprecher Tobias Dünow, hätten Sarrazin unterstützt. Aber die wenigsten hätten SPD-Mitglieder geschrieben. "Ehrlich gesagt: Momentan haben wir keinen Überblick, was die Mehrheit der Parteibasis denkt", sagte er.

Der Sommer ist auch Ferienzeit für die Parteiarbeiter in den Ortsvereinen. Auf einem Sommerfest eines SPD-Kreisverbandes am Rande des Berliner Bezirks Wedding, in dem viele Einwanderer leben, war am Samstag nicht Sarrazin das Thema, sondern die ambulanten Pflegedienste und AWO-Gesprächskreise vor Ort. Gekommen war bei schlechtem Wetter vor allem betagtes Publikum. Auf dem Fest des SPD-Kreisverbandes Charlottenburg-Wilmersdorf, in dem der frühere Berliner Finanzsenator Mitglied ist, war das Parteiausschlussverfahren ebenfalls nicht Thema hitziger Debatten zwischen Würstchengrill und Kuchenständen.

Auf Sarrazin angesprochen, fürchtete Annegret Hansen, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen, allerdings, dass sich das schnell ändern könnte. "Wir haben im Vorstand einstimmig das Ausschlussverfahren beschlossen", sagte sie. Doch speziell in der SPD-Arbeitnehmerorganisation glaube sie, dass eine 60-Prozent-Mehrheit Sarrazin unterstütze. Ursache: "Die Angst vor Jobkonkurrenz", so Hansen.

Eine Emnid-Umfrage im Auftrag der "Bild am Sonntag" zeigte, dass 45 Prozent der Bevölkerung einen Rausschmiss Sarrazins bei der Bundesbank befürworteten - und 41 Prozent dagegen sind. Nach der Umfrage würden 18 Prozent sogar eine "Sarrazin-Partei" wählen; allerdings auch 25 Prozent eine "Joachim-Gauck-Partei".

Auf solche Umfragen komme es bei dem Parteiordnungsverfahren nicht an, sagte Parteisprecher Dünow: Die SPD sei eine Wertegemeinschaft. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles erläuterte dies in einem Brief an die Mitglieder: Zu den Grundwerten der Sozialdemokratie zähle, dass "die Entwicklung eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen nicht durch ein bestimmtes Erbgut vorgezeichnet" sei. Es komme darauf an, "die Entwicklungschancen eines jeden Menschen durch gute Bildung freizusetzen". Sarrazin habe diese Grundüberzeugung mit seinen Thesen über die Vererbung von mangelnder Intelligenz und die Forderung nach Gebärprämien für Akademikerinnen verlassen. Dies sei eine völlig andere Ebene, als die vorhandenen Integrationsprobleme zu kritisieren. "Wir dulden keine Parallelgesellschaften", so Nahles.

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