Wegen Schulzeitverkürzung auf zwölf Jahre droht Unis Überlastung
Länder riskieren Ansturm von Erstsemestern an den Hochschulen

Den deutschen Universitäten droht in den Jahren 2011 bis 2013 die völlige Überlastung, weil jährlich bis zu 80 000 zusätzliche Abiturienten die Gymnasien verlassen werden. Ursache ist die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur auf zwölf Jahre in vielen Bundesländern.

BERLIN. Die Fünft- und Sechstklässler von heute machen dadurch in acht Jahren zeitgleich Abitur. Universitäten und Länder suchen noch nach Konzepten, um kurzfristig die Kapazitäten zu erweitern. Denn nach den Doppeljahrgängen werden die Abiturientenzahlen dauerhaft sinken.

Mit der Verkürzung der Schulzeit reagieren die Länder auf das schlechte Abschneiden in der Pisa-Studie und auf die Kritik, die Ausbildung in Deutschland dauere zu lang. Doch die fast zeitgleiche Verkürzung der Schulzeit in den großen Ländern Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein- Westfalen ab 2004 und 2005 bringt neue Probleme für die Hochschulen mit sich: Da in acht Jahren zwei Jahrgänge gleichzeitig Abitur machen, wird die Zahl der Abiturienten von 2011 bis 2013 bundesweit wesentlich größer sein, als in den Jahren davor und danach. Bildungsexperten der Länder sprechen von einer „Bugwelle“ in der Statistik. Allein Bayern rechne für das Jahr 2011 mit 61 500 Abiturienten, sagt der Sprecher von Kultusministerin Monika Hohlmeier. Vor und nach dem Doppeljahrgang würden jährlich rund 30 000 Abiturienten die bayrischen Gymnasien verlassen.

Anfang Oktober diskutierte die Kultusministerkonferenz erstmals die Auswirkungen der Schulzeitverkürzung auf die Hochschulen; allerdings ohne Beschlüsse zu fassen. Beamte aus den Landesministerien schlagen unter anderem vor, Lehrer für kurze Zeit an Hochschulen zu versetzen, oder Abiturienten zu motivieren, an weniger überfüllten Unis im Osten zu studieren. „Wir brauchen ein Überlastprogramm für die Hochschulen“, sagte ein Landesbeamter dem Handelsblatt.

Die Unis warnen schon heute davor, dass ihre Kapazitäten für die vielen Abiturienten nicht ausreichen werden. „Wenn wir nur einem kleinen Teil des Doppeljahrgangs Studienplätze anbieten können, wird das zu massiven sozialen Problemen führen. Eine halbe Generation könnte ihrer Chancen beraubt werden“, sagt der Präsident der Universität Würzburg, Axel Haase.

Internen Prognosen der Uni Würzburg zufolge könnten die Studentenzahlen durch die Doppeljahrgänge in Bayern und den Nachbarländern Baden-Württemberg und Hessen von heute knapp 19 000 auf fast 28 000 steigen. Haase fordert deswegen zusätzliche Studienplätze und mehr Personal. Nur so könne man dem Ansturm von Abiturienten Herr werden.

Auch die Gebäude der Universitäten könnten aus allen Nähten platzen. Die LMU München weist darauf hin, dass ihre Bauten für 25 000 Studenten ausgelegt seien, de facto aber bereits heute 48 000 dort studieren. Mehr sei nicht zu verkraften.

Problematisch an den geforderten zusätzlichen Stellen in der Lehre ist, dass sie zwar kurzfristig, nicht aber auf Dauer benötigt werden. Denn nach den Doppeljahrgängen wird die Zahl der potenziellen Abiturienten stetig kleiner, weil die Zahl der Kinder kontinuierlich abnimmt. Laut Berechnungen der Kultusministerkonferenz schrumpft die Abiturientenzahl bis 2020 auf 320 500 und liegt damit dann zehn Prozent unter dem heutigen Niveau.

Der Vorsitzende des Bundeselternrats, Wilfried Steinert, wirft den Ländern politischen Aktionismus vor. „Es ist unverantwortlich, das achtjährige Gymnasium in einem Block zu starten“, sagt Steinert. Alternative wäre eine stärker gestaffelte Einführung des achtjährigen Gymnasiums in den Ländern gewesen. In Nordrhein-Westfalen gibt es eine solche Staffelung im Kleinen: Dort können die Gymnasien selbst entscheiden, ob ab 2005 auch die sechsten Klassen ins achtjährige Programm wechseln werden. Dadurch versuche man, die Spitze aus der Statistik zu nehmen, heißt es im Düsseldorfer Schulministerium.

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