Wehrdienst
Nur jeder Zweite fit für die Bundeswehr

Noch nie waren so viele Männer für den Dienst in der Bundeswehr ungeeignet wie im vergangenen Jahr. Liegt es an den hohen physischen und psychischen Anforderungen – oder steckt politischer Wille dahinter? Kritiker sprechen von Statistik-Tricks, laut SPD nimmt das ganze „groteske Züge“ an.

DÜSSELDORF. Noch nie waren so viele Männer für den Dienst in der Bundeswehr ungeeignet wie im vergangenen Jahr. Das belegen die Musterungszahlen des Verteidigungsministeriums für 2008, die dem Handelsblatt vorliegen. Von insgesamt 456 000 in Augenschein genommenen Wehrpflichtigen entsprachen nur rund 53 Prozent den körperlichen und psychischen Anforderungen des Wehrdienstes – im Vorjahr waren es noch knapp 55 Prozent. Nahezu jeder zweite ist also für den Dienst in der Armee nicht geeignet. „Damit ist die politisch vorgegebene und wohl gewollte Willkür der Ausmusterungen also noch größer geworden“, kritisiert Werner Glenewinkel, Vorsitzender der Zentralstelle für Kriegsdienstverweigerer.

Insgesamt waren im vergangenen Jahr 199 667 Männer dauerhaft untauglich, 13 713 zumindest vorübergehend – insgesamt also 46,7 Prozent, im Vorjahr waren es 44,9 Prozent.

Anders der SPD-Verteidigungsexperte Andreas Weigel. "Das krampfhafte Festhalten an der Wehrpflicht nimmt zunehmend groteske Züge an", sagte er. "Unter der vorherrschenden Einberunfungswillkür haben junge Männer zu leiden, die sich in ihrem beruflichen Ausbildungsweg blockiert sehen. Die einen, weil sie sich für eine mögliche Heranziehung bereithalten müssen, ohne zu wissen, wann und ob diese erfolgen wird. Die anderen, weil sie zu einer ungünstigen Unterbrechung ihres Bildungsweges gezwungen werden. Der Verteidigungsminister sollte weniger Energie darauf verwenden, sich Maßnahmen zur Rettung der Wehrpflicht auszudenken, als lieber die konsequente Transformation der Streitkräfte in eine moderne Freiwilligenarmee in Angriff nehmen."

Wehrdienstgegner bemängeln zudem: Obwohl deutlich weniger als die Hälfte der tauglich Gemusterten erfolgreich verweigert, müssen rund 25 000 mehr Kriegsdienstverweigerer als Wehrpflichtige einen Dienst leisten. Damit organisiere die Bundesregierung nicht nur eine grobe Wehrungerechtigkeit; vielmehr fördere sie auch die Ungerechtigkeit zwischen den Diensten. „Wer verweigert, muss mit einer Heranziehung zum Dienst rechnen, während derjenige, der nicht verweigert, eine fast 50-prozentige Chance hat, keinen Dienst leisten zu müssen“, moniert KDV-Geschäftsführer Glenewinkel.

Zivildienstexperten raten deshalb allen Wehrpflichtigen, die nicht zur Bundeswehr wollen, den Kriegsdienst mit der Waffe erst dann zu verweigern, wenn eine konkrete Einberufung zum Grundwehrdienst erfolgt. "Zurzeit", sagt Glenewinkel, "leisten 25 000 Zivis einen Zivildienst als Ersatz für gar nichts, nur weil sie zu früh verweigerten."

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