Weiterer offener Brief
Ökonomen-Zoff geht in die nächste Runde

Der Streit unter Deutschlands Ökonomen über die Interpretation der Beschlüsse des EU-Gipfels ebbt nicht ab. Am Freitagabend haben 15 namhafte Wirtschaftswissenschaftler eine gemeinsame Stellungnahme veröffentlicht.
  • 54

London„Ein gemeinsamer Währungsraum mit freien Kapitalströmen kann ohne eine Europäische Bankenunion nicht sinnvoll funktionieren“, erklären die Unterzeichner, zu denen unter anderem Martin Hellwig (Uni Bonn), Michael Burda (HU Berlin), Dennis Snower (Kiel) und der ehemalige Bundesbank-Vorstand Hans-Helmut Kotz gehören. „Die Beschlüsse auf dem letzten EU Gipfeltreffen gehen deshalb in die richtige Richtung.“

Die gemeinsame Stellungnahme der Forscher ist eine direkte Reaktion auf den am Donnerstag in der FAZ veröffentlichten Aufruf, in dem rund 170 Wirtschaftswissenschaftler heftige Kritik an den Beschlüssen des EU-Gipfels geübt haben. „Die Entscheidungen, zu denen sich die Kanzlerin auf dem Gipfeltreffen der EU-Länder gezwungen sah, waren falsch“, hieß es in dem Text, das Ifo-Chef Hans-Werner Sinn und der Dortmunder Statistiker Walter Krämer initiiert hatten.

Darin wurde behauptet, der „Schritt in die Bankenunion“ bedeute „eine kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Eurosystems“, die mehrere Billionen Euro betrügen. In einer Vorabversion des Aufrufs hieß es, unter der Brüsseler Entscheidung würden „unsere Kinder und Enkel werden leiden.“ In letzter Minute strichen die Ökonomen diese Formulierung dann wieder.

Zahlreiche andere Volkswirte, aber auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble haben diese Sicht zurückgewiesen. „Es geht hier überhaupt nicht um irgendwelche zusätzlichen Haftungen“, betonte die Bundeskanzlerin. Deutschland sei beim EU-Gipfel „keinerlei Verpflichtungen eingegangen ist, die über das hinausgehen, was wir vertraglich bisher vereinbart haben“. Jeder solle sich das Ergebnis des Gipfels genau anschauen und das berichten, was in den Beschlüssen stehe. Bundesfinanzminister Schäuble sagte in einem Radio-Interview: „Finanzwissenschaftler sollten eigentlich mit dem Begriff Bankenschulden verantwortlich umgehen.“ Stattdessen würde eine Verwirrung der Öffentlichkeit betrieben. „Ich finde das empörend.“

Sieben renommierte Fachkollegen um den ehemaligen Chef des Sachverständigenrates, Bert Rürup, haben den Tonfall und Inhalt des Aufrufs der 170 scharf kritisiert. Der in der FAZ veröffentlichte Text enthalten “Behauptungen, fragwürdige Argumente und in eine von nationalen Klischees geprägten Sprache”. Dadurch werde die Öffentlichkeit verunsichert. „Der Aufruf baut ein Schreckgespenst auf und schürt Furcht.“ Dadurch werde „Schaden angerichtet für die politische Gestaltungsfähigkeit wie für das Ansehen unseres Fachs“.

Der zweite, am späten Freitag nachmittag veröffentlichte Gegenaufruf, den der Berliner Finanzmarkt-Forscher Frank Heinemann koordiniert hat, geht auf den Tonfall des Sinn-Krämer-Textes nicht ein, sondern argumentiert rein inhaltlich.
Ein zentrales Problem in der Euro-Zone sei, dass sich in vielen Ländern die Probleme im Bankensektor und im Staatshaushalt gegenseitig verstärken. „Nur wenn es gelingt, die Refinanzierung der Banken von der Solvenz nationaler Staaten abzukoppeln, kann sich die Kreditversorgung in den Krisenländern stabilisieren“, betonen die Forscher. „Eine stärkere Integration des europäischen Finanzsystems und eine Entkopplung von Staatsfinanzen und Kreditversorgung sind für eine stabilere Architektur Europas unverzichtbar. Sie sind wichtige Schritte, um den Teufelskreis zwischen nationalen Schulden- und Bankenkrisen zu durchbrechen.“

Mitglieder des Sachverständigenrats zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung gehören nicht zu den Unterzeichnern des Briefs. Die „fünf Wirtschaftsweisen“ veröffentlichten allerdings ebenfalls am Freitagabend ein Sondergutachten zur Euro-Krise, in dem sie Europa „in einer systemischen Krise“ sehen, „die den Fortbestand der gemeinsamen Währung und die ökonomische Stabilität Deutschlands gleichermaßen gefährdet.“

Seite 1:

Ökonomen-Zoff geht in die nächste Runde

Seite 2:

Neuester Öknomenaufruf hält Bankenunion für nötig

Kommentare zu " Weiterer offener Brief: Ökonomen-Zoff geht in die nächste Runde"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Fein! Dann müssten mal deutsche Banken gerettet werden! Ich bin gespannt!
    ...schade, dass dies immer nur blanke Ideen sind, die sowieso nie verwirklicht werden. Schade, schade.
    Die hier so tönen, haben vermutlich gar kein Geld auf der Bank - die anderen investieren still und leise woanders.

  • Ich verlange, dass sämtliche Wissenschaftler angeben, von wem sie bezahlt werden - Mehrfachnennung möglich. Nur so haben wir eine Chance, die Serösität der Angaben einigermaßen zu beurteilen!!
    Bitte schließen Sie sich meiner Forderung an!

  • Gestern Abend (Mitternacht) war ein gutes Gespräch mit Prof. Sinn.
    Er hat da ganz klar gesagt, für jeden auch gut verständlich was schief läuft und an diesem ganzen Euro-zund Rettungs-Unsinn falsch ist
    Solche Gespräche gehören um 20 Uhr gesendet, damit eine große Zahl von Bürgern aufgeklärt wrden. Abr das tut das TV ja nicht

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%