Weltfinanzgipfel
Die Suche nach dem G-Punkt der Politik

Der deutsche Arzt Ernst Gräfenberg hätte seine Freude gehabt. Denn der hatte 1950 die Theorie des genannten G-Punktes entwickelt, einer erogenen Zone, mit der die sexuelle Lust bei Frauen stimuliert werden kann. Was er nicht ahnte: Der "G-Punkt" entscheidet mittlerweile nicht nur beim Sex, sondern auch in der Politik über Lust und Frust.

BERLIN. Diese wird eine gute Woche für Jose Zapatero. Seit Wochen hatte der spanische Premierminister andere Regierungschefs mit Anrufen und sogar Besuchen bombardiert, um sein Ziel zu erreichen. Und dann kam endlich, endlich die erlösende Antwort aus Washington: Zapatero darf am morgigen Samstag am Weltfinanzgipfel teilnehmen, obwohl Spanien gar nicht zu der eingeladenen Staatengruppe der G20 gehört.

Der deutsche Arzt Ernst Gräfenberg hätte seine Freude gehabt. Denn der hatte 1950 die Theorie des genannten G-Punktes entwickelt, einer erogenen Zone, mit der die sexuelle Lust bei Frauen stimuliert werden kann. Was er nicht ahnte: Der "G-Punkt" entscheidet mittlerweile nicht nur beim Sex, sondern auch in der Politik über Lust und Frust. Nicht nur beim Weltfinanzgipfel verwenden viele Regierungen mittlerweile mehr Gehirnschmalz statt auf Inhalte auf die Frage, wer an internationalen Treffen eigentlich teilnehmen darf. Eine wahre Inflation so genannter "G-Formate" ist die Folge. Es gibt G4, G7, G8, G10, G20, G77 - um nur einige zu nennen. Beim Weltfinanzgipfel baggerten etwa auch Tschechien, die Niederlande und einige arabische Staaten um Berücksichtigung.

G steht in der Politik allerdings nicht für Gräfenberg-Zone, sondern schlicht für "Group". Das Prinzip ist einfach und für alle deutschen Vereinsmitglieder einfach zu verstehen: Man grenzt sich ab und tut sich zusammen, weil man etwas erreichen will. Man erfindet Kriterien, die bewirken, dass nur die Gewünschten Mitglieder sein können. Die G4 etwa (Deutschland, Indien, Brasilien, Japan) will einen festen Sitz im UN-Sicherheitsrat ergattern. Die G7 der wichtigsten Industriestaaten sieht sich als privilegierter Debattierklub für die Rettung der Weltwirtschaft - ist aber eigentlich schon eine G8, weil mittlerweile auch Russland teilnimmt. Wie in jeder Familie werden aber nicht alle Mitglieder zu allen Treffen eingeladen. Deshalb ärgert sich Moskau seit langem, dass die G7-Finanzminister immer noch unter sich tagen.

Denn nur wer dazugehört, ist "in", im wahrsten Sinne des Wortes. Um die Nicht-Berücksichtigung deshalb weniger schmerzlich zu machen, ist die Politik kreativ. Die Kanzlerin, ein erklärter Fan von G7, hat sich etwa die schöne neue Abkürzung "O5" ausgedacht. O steht für "Outreach" und ist de facto eine Art Zweite-Klasse-Mitgliedschaft für Schwellenländer China, Indien, Brasilien, Mexiko und Südafrika. Dumm nur, dass Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy sich bei den unzufriedenen, aufstrebenden Ländern Liebkind machen will und offen von einer Erweiterung auf "G13", vielleicht sogar "G14" redet (dann mit Indonesien). Für den Weltfinanzgipfel reichte ihm aber nicht einmal das - also sprang man gleich auf das G20-Format, weil da auch Länder wie Saudi-Arabien, die Türkei oder Südkorea teilnehmen dürfen.

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